"Das ist mein Auftritt! Und ihr seid jetzt alle still!", nuschelt der Sänger Andy Lehrke ins Publikum und grinst. Den Kopf hat er leicht gesenkt, er wippt von einem Fuß auf den anderen. Fast als wäre sich der 40-Jährige nicht ganz sicher, ob seine Worte an dieser Stelle auch wirklich passen. Der kleine Mann mit dem rasierten Kopf trägt eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und rote Chucks. Hinter ihm seine Band: neun Jungs, auch sie in dunklen Hosen, weißen Hemden und bunten Turnschuhen.

Andy hat das Downsyndrom. Ebenso wie einer der Keyboarder. Ein anderer Keyboarder ist blind. Station 17 ist eine Band, die aus behinderten und nicht behinderten Musikern besteht. Insgesamt sechs von ihnen haben eine geistige oder körperliche Behinderung. Vier nicht. Christian Fleck, hinten rechts am Laptop, singt jedes Lied mit. Sein ganzer Körper zuckt im Takt, Arme, Beine, Kopf tanzen. Scheinbar versunken in die Musik, hat er alles und alle im Blick. Mit erhobener Hand zählt er die Songs an, gibt den anderen Zeichen, wenn sie ihren Einsatz haben. Der schmale 31-Jährige mit den kurzen blonden Haaren ist der künstlerische Leiter der Band.

Noch sitzen die Zuschauer zurückhaltend auf den weißen Sitzkissen. "Alle aufstehen. Ich wiederhole: Alle aufstehen!", ruft einer der Sänger. Nach und nach wagen sich die ersten nach vorne, zaghaft wiegen sie den Oberkörper. Dass die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin nicht einmal zur Hälfte voll ist und niemand so richtig tanzen will, davon lassen sich die Hamburger nicht einschüchtern. In dem alten Theatersaal in Berlin-Mitte, da, wo sonst Frank Castorf mit seiner Schauspieltruppe auftritt, türmen sich in dieser Freitagnacht im Januar gewaltige Klangcollagen auf. Technobeats krachen aus den Boxen. Mit beiden Händen hält Andy das Mikro fest, er singt von Geistern, die durch die Wände kommen und Knochen essen. Sein gruseliges Gespensterheulen hallt durch den Saal. Helle Synthesizersounds vermischen sich mit düsteren Bässen. Eine Sirene heult auf.

Die Jungs stehen nicht zum ersten Mal auf der Bühne. Erst vor drei Monaten sind sie von ihrer Konzerttournee zurückgekehrt. Mit ihrem aktuellen Album Goldstein Variationen traten sie fast drei Wochen lang in Clubs und Partylocations in ganz Deutschland und der Schweiz auf. Dass die einen Behindertenausweise im Portemonnaie tragen und die anderen nicht, spielt auf der Bühne keine Rolle. Und doch gibt es einen Unterschied zwischen den Bandmitgliedern: Die mit Behinderung, wie Andy, werden als Künstler bezahlt. Die anderen, wie Christian, als Assistenten für Menschen mit Behinderung.

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Denn Station 17 gehört zum Künstlernetzwerk Barner 16 in Hamburg-Altona, das von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf getragen wird. Es funktioniert wie eine Behindertenwerkstatt, nur dass die Behinderten keine Besen binden oder Tassen töpfern, sondern Alben produzieren und auf Deutschlandtournee gehen. Christian empfindet die klare Unterscheidung zwischen Sozialarbeitern und behinderten Künstlern als Diskriminierung seiner Bandkollegen. "Als Künstler machen wir doch alle denselben Job", sagt er. Er hat den Vertrag mit zwiespältigen Gefühlen unterschrieben. "Ich bin Musiker, und ich will Musik mit den Leuten machen."

Es sind noch zwei Tage bis zum Konzert. "Stopp Aufnahme" steht in fetten roten Buchstaben außen auf der schweren Tür zum Probenraum. An diesem Mittwochmorgen sind alle Bandmitglieder in der Barnerstraße in Hamburg versammelt. Die weißen Hemden, ihr Konzert-Outfit, hängen auf Kleiderbügeln an einem Drahtseil unter der Decke. Fenster gibt es keine. Überall stolpert man über Kabel, Verstärker sind kreuz und quer im Zimmer verteilt. Auf den Boxen stehen Kaffeetassen und Wasserflaschen. Der Flaschensammler heißt der Song, an dem die Band gerade arbeitet.