Die zehn größten Verschwendungen des Asta – Seite 1

Das Gourmetrestaurant im Berliner Nobelhotel Adlon ist ein Ort der traditionellen Haute Cuisine, auf der Karte steht bretonischer Hummer, in Orangenöl konfiert, oder ein Suprême vom Atlantik-Steinbutt. Die Atmosphäre ist höfisch, von den Tischen am Fenster fällt der Blick auf das Brandenburger Tor. Enrico Caruso und Charly Chaplin haben hier gespeist – ach ja, und die Studenten vom Asta der FHTW Berlin . Für 2400 Euro luden sie Industrievertreter zum Essen ein und bezahlten die Rechnung mit den Asta-Beiträgen ihrer Kommilitonen.*

Das klingt nach viel Geld, ist aber wenig im Vergleich zu den 260.810 Euro, die etwa dem Bonner Asta verloren gegangen sind. Man hätte mit diesem Geld 524 Laptops kaufen können, um sie auf dem Campus zu verschenken, oder Tutoren bezahlen können, damit sie den Studenten 32.851 Stunden lang beim Lernen helfen. Stattdessen vergaben die Bonner Studentenvertreter Kredite an Kommilitonen – in Höhe von 417.811 Euro. Über 60 Prozent des Geldes verschwanden, weil die Studenten ihren Wohnort wechselten. Heute sind die Schulden verjährt. Joachim Hopf, Kassenwart des Bonner Asta, erklärt das so: "Oft waren es ausländische Studenten, die in ihre Heimat zurückkehrten." Man hatte schlicht vergessen, sich die Adressen geben zu lassen. Also sind 260.810 Euro weg. Einfach so.

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Außer in Bayern und Baden-Württemberg, wo es keine unabhängigen Allgemeinen Studierendenausschüsse gibt, zahlen Studenten in ganz Deutschland jedes Semester ihr Scherflein an den Asta, im Schnitt sieben Euro. Dadurch haben die Asten oft Einnahmen von mehreren Hunderttausend Euro im Semester. Eigentlich sollen sie als Studentenregierung die Interessen der Studenten vertreten und das Geld nutzen, um den Studenten Dienstleistungen zu bieten, zum Beispiel ein Semesterticket. Für solche Zwecke waren sie im 19. Jahrhundert gegründet worden. ZEIT CAMPUS liegen nun vertrauliche Informationen darüber vor, was Studentenvertreter in der Vergangenheit wirklich mit diesem Geld gemacht haben. Blättert man in diesen Akten, in Berichten von Rechnungsprüfern und E-Mails von Funktionären, bekommt man den Verdacht, dass Asta-Vertreter mit Studentengeldern umgingen wie mit Papierscheinen aus einem Monopoly-Spiel.

Der Asta der TU Berlin schickte einmal zwei Studentinnen zum "5. Treffen lateinamerikanischer und karibischer Lesben" nach Rio de Janeiro. Für 1400 Euro. Der Asta der Berliner Humboldt-Universität bezahlte Bürgerkriegskämpferinnen aus Guatemala eine Rundreise durch Deutschland. Kosten: unbekannt.

Es sind keine Peanuts, um die es geht – sondern Zahlen mit sechs oder sieben Ziffern. Rechnet man die größten von ZEIT CAMPUS an fünf Hochschulen recherchierten Verschwendungen zusammen, ergibt das eine Zahl von über 1,2 Millionen Euro – Geld, das eigentlich den Studenten gehört. Auch der Asta der FU Berlin hat 176.000 Euro an Bürgschaften vergeben, die bisher nicht wieder eingetrieben werden konnten. Herrschen an anderen Hochschulen ähnliche Zustände, dann versickern in Deutschland jedes Jahr viele Millionen im Sumpf der Asta-Haushalte.

 Keine Ahnung von Finanzen?

Offenbar läuft etwas schief in der studentischen Selbstverwaltung. Viele Funktionäre, die nur wenige Semester im Amt sind, scheinen nicht gelernt zu haben, mit Geld verantwortlich umzugehen. Mirko Schmid, 25, kann das bestätigen. Der Student war früher stellvertretender Asta-Vorsitzender an der Universität Frankfurt am Main. Dort, sagt er, "war das Verhältnis zu Geld oft nicht vorhanden. Es wurde einfach verpulvert, aus meiner Sicht wurden nur die eigenen Leute versorgt. Bei Rechnungen hieß es: Bitte mal abzeichnen. Andere Funktionäre dachten rein ideologisch und wollten nur möglichst viele Che-Guevara-Poster an die Wände kleben."

Der Asta-Vorsitzende der Uni Bonn , Wolfgang Schoop, 23, berichtet von einer abstrusen Personalpolitik seiner Vorgänger. Vor einigen Jahren stellten die Studentenvertreter eine eigene EDV-Betreuerin ein – für Telefone und 20 Computer. Diese Frau wurde von Rechnungsprüfern über Monate nicht an ihrem Arbeitsplatz angetroffen. Eine Klausel in ihrem Arbeitsvertrag besagte, dass sie sich wegen einer psychischen Störung nicht an die Kernarbeitszeiten halten musste. "Wir haben auch einen Geschäftsführer, eine Assistentin der Geschäftsführung und eine Sekretärin", räumt Schoop ein, "obwohl die Asten anderer Hochschulen mit insgesamt nur einer Sekretärin als Halbtagsstelle auskommen."

Man muss den Asta-Mitgliedern keine böse Absicht unterstellen. Die Studenten, denen neben ihrem Studium die Verantwortung für ein fünfstelliges Budget übertragen wird, machen ihre Fehler oft durch eine Mischung aus Fahrlässigkeit und Überforderung. "Viele werden ja nicht wegen ihrer Kompetenz als Buchhalter in den Asta gewählt. Von Finanzen haben sie oft keine Ahnung", sagt der ehemalige Funktionär Schmid.

In Bochum veranstaltete der Asta im Dezember 2007 ein Konzert. Die Organisatoren engagierten bekannte Musiker wie Juli, Joy Denalane und 2raumwohnung, mieteten die Mensa und schalteten als Werbung einen Fernsehspot in der Halbzeitpause eines Bundesligaspiels des VfL Bochum. Weil statt der erwarteten 5000 Besucher nur 1300 kamen, machte der Asta an diesem Abend 230.000 Euro Verlust. In einem Interview spricht Fabian Ferber über den Skandal.

Weil Asta-Vertreter einst erfolgreich für ihre Unabhängigkeit gekämpft haben, werden sie heute kaum noch kontrolliert. "Durch die Finanzautonomie ist die Zweckentfremdung von Sachmitteln ganz leicht", kritisiert der Bonner Asta-Chef Wolfgang Schoop. "Die einzige Kontrolle sind die Besuche des Rechnungsprüfungsamtes alle fünf Jahre. Vielen Asten gelingt es außerdem, die Prüfungsberichte geheim zu halten." Kommt ein Bericht doch an die Öffentlichkeit, interessiert sich außer einer Lokalzeitung und der Opposition im Studierendenparlament meist kaum jemand für die Fehler – auch weil viele Studenten, deren Geld vom Asta verschwendet wurde, ihr Studium dann schon beendet haben.

Passieren kann den Asta-Funktionären ohnehin nicht viel. Steht nach fünf Jahren eine Revision des Prüfungsamtes an, sind die meisten Übeltäter längst nicht mehr im Amt. Weil viele Ausgaben nur unmoralisch, nicht aber illegal sind, sind auch juristische Konsequenzen selten. Per Gesetz sind Asta-Vertreter nur verpflichtet, das Geld für die Interessen der Studenten einzusetzen. Ob ein Essen im Berliner Adlon-Hotel oder eine Flugreise nach Rio diese Bedingung erfüllt, dürfen die Asta-Vertreter selbst entscheiden.

Beim Skandal um die Bochumer Party kam es trotzdem zu einem Verfahren. Das Bochumer Amtsgericht verurteilte den Asta-Vorsitzenden Fabian Ferber wegen Veruntreuung von Asta-Geldern zu 80 Sozialstunden. Das Urteil wurde nach dem Jugendstrafrecht gefällt, weil Ferber 21 Jahre alt war und noch bei den Eltern wohnte. Dass im Asta-System ein unerfahrener Student, der im juristischen Sinne noch Jugendlicher ist, über Hunderttausende Euros entscheiden durfte, scheint Teil des Problems zu sein. Rechnungsprüfer sind regelmäßig schockiert über die Fahrlässigkeit der Studenten.

In einem Bericht des Staatlichen Rechnungsprüfungsamtes Köln über die Haushaltsführung des Bonner Asta vom 25. Mai 2004, der ZEIT CAMPUS vorliegt, spürt man eine gewisse Fassungslosigkeit der Beamten. Schon im Jahr 1999 hatte das Amt 15 Asten aus Nordrhein-Westfalen geprüft und Alarm geschlagen: Es gab keine Haushaltspläne, Kassenbelege fehlten, Buchführungen waren nicht vorhanden. Einige Asten waren trotz hoher Einnahmen praktisch zahlungsunfähig. Sechs Jahre später umfasst die Mängelliste für Bonn immer noch vier Seiten. "Gravierende Mängel im Bereich der Dienstaufsicht", heißt es da, "erhebliche Mängel in der Buchführung". Und einmal: "Die Deckung der Sachmittelausgaben war im laufenden Haushaltsjahr nicht mehr gewährleistet, sodass die Insolvenz der Studierendenschaft unmittelbar bevorstand." Wäre das Geld wirklich einmal ausgegangen, hätten Asta-Funktionäre meistens eine sehr einfache Lösung parat, sagt der Bonner Asta-Chef Wolfgang Schoop: "Dann wird einfach der Zwangsbeitrag erhöht."

 Ein Grillfest auf Kosten der Studenten

Die früheren Bonner Funktionäre, die für diese Mängel die Verantwortung tragen, weisen die Vorwürfe weit von sich. "Da hat der Landesrechnungshof sich verrechnet", sagt der ehemalige Asta-Chef der Universität Bonn, Thomas Möws, zum Vorwurf von überhöhten Personalkosten. Andere Asta-Vertreter pochen darauf, dass alle Ausgaben von demokratisch gewählten Repräsentanten genehmigt wurden – wie zum Beispiel das fulminante Grillfest, das im Sommer 2007 in Bonn stattfand.

Die Leute vom Asta-Sportreferat hatten Lust auf ein schönes Barbecue. Also kauften sie Fleisch für 295,41 Euro, mieteten ein Auto für 107,07 Euro und fuhren ins Grüne – alles auf Spesenkosten. Der damalige Asta-Chef Christopher Paesen rechtfertigt das so: "Die Obleuteversammlung als Organ der Selbstverwaltung des Hochschulsports hat diese Ausgaben geplant. Damit liegt ein demokratisch legitimierter Beschluss vor, den es zum Schutz der studentischen Selbstverwaltung zu achten gilt."

Mit anderen Worten: Wer Verschwendung kritisiert, stellt die studentische Selbstverwaltung infrage. Unklar ist aber, ob die Studentenvertreter bei einer oft marginalen Wahlbeteiligung von höchstens 30 Prozent noch den Mehrheitswillen der Studenten repräsentieren – oder einfach nur deren Geld ausgeben. Und ob die Fehler der heutigen Asta-Vertreter das Engagement und die Wahlbeteiligung in Zukunft noch weiter verringern werden.

Der Asta der Uni Duisburg-Essen hatte nur das Beste für die Studenten gewollt. Er betrieb jahrelang ein Kulturcafé, in dem Studenten exotische Cocktails für 2,50 Euro trinken konnten. Weil die Einnahmen nicht die Kosten deckten, häuften sich Verluste in Höhe von 450.000 Euro an. In Frankfurt gründeten die Studenten eine Autovermietung und machten damit 100.000 Euro Verlust. In beiden Fällen waren die Verluste des Asta ein Gewinn für die Studenten: Sie tranken Whiskey Sour und fuhren günstige Mietwagen. Nur waren die Subventionen nicht mit Absicht, sondern aus Unvermögen entstanden. Dieselben Summen hätten in anderen Bereichen möglicherweise eine größere Wirkung gehabt.

Überträgt man das, was in vielen Asten Normalität ist, auf die große Politik, zeigt sich die Brisanz noch deutlicher. Man denke an Bundestagsabgeordnete, die auf Staatskosten privat zu Kongressen nach Brasilien düsen. Oder an ein Parlament, das extreme politische Organisationen finanziell unterstützt. Das wären Skandale der Bundespolitik. In deutschen Asten passieren sie jeden Tag, ohne dass jemand einschreitet.

In den neunziger Jahren wurde der Bonner Asta Mitglied des Hartmut-Meyer-Archivs mit einem Beschluss des Studentenparlaments. Das Archiv, in dem rechtsradikale Flugblätter und 1000 Bücher von Neofaschisten zu Forschungszwecken lagern, wird von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) getragen, zu der auch die Antifa gehört. Mitglieder der VVN/BdA wurden in der Vergangenheit vom Verfassungsschutz beobachtet und als "linksextremistisch beeinflusst" eingestuft, weil sie "kommunistische Verbrechen leugnen".

Der Jahresbeitrag zu diesem Archiv betrug nicht mehr als 300 Euro. Fraglich ist trotzdem, ob der Asta dazu da ist, politische Organisationen zu unterstützen, ganz gleich ob FDP, SPD oder VVN/BdA. Als erste Amtshandlung beendete Wolfgang Schoop 2009 deshalb die Mitgliedschaft in dem Archiv.

*Anmerkung der ZEIT CAMPUS-Redaktion: Der Vorfall ereignete sich im Jahr 1998