"Nehmen Sie es bitte nicht persönlich. Ein anderer Kandidat passte einfach noch besser zu uns."

Das werden Sie häufig hören, wenn Sie die Gründe für eine Absage erfragen. Der Satz klingt für manche zynisch, wie eine billige Ausrede, weil man den wahren Grund nicht nennen möchte. Und im Kopf rumort es weiter: "Woran lag es wirklich? Habe ich zu wenig Auslandserfahrung? Hätte ich doch einen anderen Studienschwerpunkt wählen sollen?" Es bleibt dieses dumpfe Gefühl: "Ich bin nicht gut genug, sie wollen es bloß nicht sagen." Und in der aktuellen Wirtschaftskrise scheinen die Anforderungen sogar noch zu wachsen.

"Ein anderer passte noch besser" ist jedoch meist gar keine Ausrede, sondern fast immer die Wahrheit. Bewerber vermuten in jeder Absage eine persönliche Wertung. Doch darum geht es aus Sicht der Unternehmen gar nicht. Wichtig ist vor allem, dass ein Bewerber zu ihnen passt, und das ist eben nicht immer der, der formal am meisten bietet.

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Überlegen Sie einmal: Wenn Sie entscheiden müssten, wer den längsten Teil des Tages mit Ihnen verbringen soll – würde Sie ein Praktikum mehr oder weniger überzeugen? Nützt es Ihnen etwas, wenn jemand zwei Sprachen mehr spricht als benötigt oder sämtliche Prüfungen mit Sternchen bestanden hat? Das alles sind Hilfsgrößen, mehr nicht. Nehmen Sie einen qualifizierten Vertriebsjob, bei dem sensible Kunden betreut werden müssen. Als Personalerin wäre ich schlecht beraten, dafür jemanden zu wählen, der ein dynamisch-ungeduldiges Verhalten zeigt wie ein Rennpferd vor dem Start, selbst wenn er ein exzellentes Wirtschaftsexamen hat. Besser passt da vielleicht ein Geisteswissenschaftler mit Erfahrung im sozialen Bereich, der Ruhe ausstrahlt und seinen Kunden gut zuhört.

Zugegeben, in Zeiten von IT-gestützten Filterprogrammen dringen manchmal nur stromlinienförmige Bewerbungen mit sehr guten Noten und "Accessoires" wie Auslandseinsatz, mindestens Zweisprachigkeit, kurzer Studiendauer und zahlreichen Praktika bis zu den Entscheidern vor. Aber bezogen auf die Zahl der verfügbaren Jobs schalten nur die allerwenigsten Firmen diesen Filter überhaupt vor, fast ausschließlich große Konzerne. Die meisten freien Stellen gibt es jedoch im Mittelstand und damit in Betrieben, wo Bewerbungen von Menschen gefiltert werden. Und diese müssen Sie menschlich überzeugen. Manchmal heißt das schlicht, zu signalisieren: "Ich kann selbstständig arbeiten, habe keine illusionären Vorstellungen und bin in der Lage, den Ton im Unternehmen zu treffen." So wirkt es in einem jungen IT-Unternehmen vielleicht befremdlich, wenn man den Kollegen die Hand schüttelt, während es in einem Produktionsbetrieb arrogant aussehen könnte, auf den morgendlichen Handschlag zu verzichten. Wie viel Humor jemand hat, wofür er kämpft, wie er Kontakte pflegt und Konflikte löst, auch darum geht es.

Deshalb sollte sich niemand verunsichern lassen, wenn es heißt, die Voraussetzungen stiegen in der Krise: Entscheidend ist nicht, immer mehr abstrakte Ansprüche zu erfüllen, sondern zu überlegen, wie man ist, was man kann – und wer das schätzen könnte. Unternehmen suchen den berühmten Deckel, der auf den Topf passt – und nicht einen edlen Designdeckel für die Luxusküche, der toll aussieht, aber auf dem Topf die ganze Zeit wackelt.

Maren Lehky, 48, hat viele Jahre die Personalabteilungen verschiedener großer Unternehmen geleitet. Nun berät sie Firmen, wie diese die richtigen Mitarbeiter auswählen, einsetzen und fördern. Sie hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben