ZEIT CAMPUS: Das Kommunizieren müssen Sie also neben dem Studium gelernt haben. Oder waren Sie schon vorher so? 

Hirschhausen: Nein. Meine Ausbildung hatte einen formalen und einen informellen Teil. Der formale war das Medizinstudium in Heidelberg, außerdem habe ich noch Wissenschaftsjournalismus studiert. Parallel hatte ich mein Hobby: Ich bin als Zauberer auf Geburtstagen und Betriebsfeiern aufgetreten oder habe mich in die Fußgängerzone gestellt. Da lernt man schnell, wie Kommunikation funktioniert.

ZEIT CAMPUS: Gibt es Zaubertricks, die immer ziehen?

Hirschhausen: Eins der verlässlichsten Prinzipien der Komik ist die Schadenfreude. Deshalb ist es immer gut, sich einen Gegenstand von jemandem zu leihen und ihm Leid zuzufügen. Eine Jacke borgen und eine brennende Zigarette darin ausdrücken. Einen Ring leihen, ihn scheinbar verschlucken und fragen, ob es reicht, wenn man ihn in drei Tagen zurückgibt.

ZEIT CAMPUS: Das klappt?

Hirschhausen: Man hat zumindest einen Zuschauer, der wissen will, wie es ausgeht.

ZEIT CAMPUS: Sie haben im Studium auch italienische Fußgängerzonen bespielt.

"Man muss sehr lange sehr schlecht sein, um irgendwann gut zu werden"
Eckart von Hirschhausen

Hirschhausen: Das habe ich in den Semesterferien gemacht. Ich war ein großer Interrail-Fan und bin Anfang der Neunziger immer für ein paar Wochen durch Europa gereist. Da habe ich meine Tricks pantomimisch erklärt, weil ich die Landessprache meist nicht konnte. Ich bin sehr froh, dass es davon keine Videoaufnahmen gibt.

ZEIT CAMPUS: Warum?

Hirschhausen: Man muss sehr lange sehr schlecht sein, um irgendwann gut zu werden.

ZEIT CAMPUS: Was wurde denn aus dem formalen Teil der Ausbildung? Ihren Doktor haben Sie ja noch gemacht. 

Hirschhausen: Ja. Wir haben getestet, ob man Antikörper aus dem Blut herausfischen kann, um damit Menschen zu helfen, die in einem Schock sind. Im Schock funktioniert die eigene Abwehr nicht mehr. Leider zog die Geschichte an meiner Arbeit vorüber, mittlerweile kann man die Antikörper gentechnisch herstellen. Das war die größte Fehlinvestition von Zeit, die ich in meinem ganzen Leben getätigt habe.

ZEIT CAMPUS: Sind Sie deswegen nicht Arzt geworden?

Hirschhausen: Nein. Ich habe die Medizin nicht aufgegeben, weil ich das blöd fand, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich einen Großteil meiner Stärken da nicht nutzen kann. Ich habe eine Zeit lang beides gemacht, aber auf Dauer geht das nicht. Man kann so keines von beidem richtig betreiben, und ein schlechter Arzt kann mehr Schaden anrichten als ein schlechter Komiker. Wir sind hier jetzt übrigens in meinem alten Kiez.

(Deutet auf den Seitenflügel des Völkerkunde-Museums.)

Da war meine WG.

ZEIT CAMPUS: Ich dachte, als Adeliger in Heidelberg geht man in eine Verbindung.

Hirschhausen: Im Gegenteil. Hier, wo ich gewohnt habe, trifft sich einmal pro Woche ein Diskutierkreis unter Studenten, der Heidelberger Kreis. Der hat sich gezielt gegen diesen Korpsgeist etabliert. Die Idee war: Wir wollen miteinander reden, und wir brauchen keinen Schmiss, um Mut zu zeigen. Lassen Sie uns doch mal kurz klingeln.

(Es öffnet ein Student, der nicht besonders überrascht zu sein scheint, Hirschhausen zu sehen. Er bittet herein. Hirschhausen führt durch die riesige Altbauwohnung, sein Zimmer war das rechts neben der Eingangstür. Hinten, im Wohnzimmer mit den litfaßsäulenhohen Fenstern, steht eine Tischtennisplatte. Die gab es damals noch nicht. Hirschhausen scheint neidisch. Vorhandene WG-Bewohner werden trotzdem zu einem seiner Auftritte eingeladen. Im Hinausgehen:)

Es gibt hier jede Woche Vorträge zu Themen, die nichts mit dem Studium zu tun haben. Ich habe hier einmal über Magie gesprochen.