Als der Anruf kam, war ich erst seit einem Monat im Sozialen Dienst des Jugendamtes. Viel Erfahrung hatte ich also nicht. Ich hatte schon Familien besucht und Gespräche mit Eltern geführt, aber die Entscheidung, ein Kind in Obhut zu nehmen, hatte ich noch nie fällen müssen. Es war kurz nach neun, ich nahm den Hörer ab. Am Apparat war eine Grundschullehrerin, ihre Stimme zitterte. "Einer meiner Schüler hat einen blauen Fleck auf dem Oberschenkel, der aussieht wie eine Gürtelschnalle", sagte sie. "Ich bin sofort da", sagte ich und legte auf. Plötzlich war mir flau im Magen.

Ich wusste, wenn ein Kind von seinen Eltern geschlagen wird, muss ich handeln. Oft muss ich dann innerhalb kürzester Zeit entscheiden, ob ich das Kind den Eltern wegnehme oder nicht. Bei dieser Entscheidung gibt es kein richtig oder falsch, das weiß ich. Trotzdem habe ich auch heute noch jedes Mal Angst, einen Fehler zu machen. Wenn ich ein Kind vorübergehend in die Obhut der Behörde nehme, kann das theoretisch schlimme Folgen haben. Zerstöre ich damit nicht eine ganze Familie? Muss das Kind nach seiner Rückkehr in die Familie darunter leiden? Wird es durch meine Entscheidung womöglich für den Rest seines Lebens traumatisiert? Wie kann ich sicher sein, dass es dem Kind in einem Heim wirklich besser geht als bei seinen Eltern?

Ich arbeite in einem Jugendamt, wir Sozialarbeiter sind in den letzten Jahren häufig in den Schlagzeilen gewesen: Kevin, Lea-Sophie und andere bis zum Tod vernachlässigte Kinder, für die das Jugendamt zuständig war. An diese Fälle muss ich oft denken. Den Fehler, nicht schnell genug zu reagieren, möchte ich auf keinen Fall machen. Einfacher wird meine Entscheidung dadurch aber nicht.

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Ich bin an dem Morgen sofort zur Schule gefahren, um mit der Lehrerin zu sprechen und den Jungen zum Arzt zu fahren. Der Kleine, ein schmächtiger Junge mit Sommersprossen und Bürstenhaarschnitt, hat am Tor zusammen mit seiner Lehrerin gewartet. Der Vater war auch dort, er lief die ganze Zeit auf und ab. Wie ein Tiger im Käfig. Ich hatte eigentlich gehofft, dass die Mutter mitkommen würde, ich hatte sie angerufen, aber sie schickte ihren Mann. Ich habe den Arm um den Jungen gelegt und mit fester Stimme zum Vater gesagt: "Der Junge fährt mit mir im Auto."

In solchen Momenten darf man sich keine Schwäche anmerken lassen, auch wenn einem die Knie zittern. Ich wollte nicht, dass er bei seinem Vater mitfährt. Ich hatte Bedenken, dass der ihn einschüchtert, damit er nicht sagt, was passiert ist. Der Junge war ganz aufgeregt und hat viel erzählt. Dass sein Vater ihn häufiger schlägt. Dass er seinem kleinen Bruder ein Bein gestellt hat und dass der Papa ihn dann mit seinem Gürtel verprügelt hat. Er war ganz tapfer. Es ist ja ein Zeichen von Stärke, dass er sich überhaupt traut, die Geschichte zu erzählen. Eigentlich habe ich mich total schrecklich gefühlt, aber das durfte ich nicht zeigen. Ich habe versucht, ihm den Rücken zu stärken und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er alles richtig gemacht hat.

Die Ärztin hat Fotos von dem Oberschenkel des Jungen aufgenommen. Das Hämatom war etwa so groß wie eine Handinnenfläche und dunkellila. Zum Glück war nichts gebrochen. Während der Untersuchung ist der Vater immer aggressiver geworden und hat mich und den Jungen beschimpft. Der Junge hat irgendwann fast nichts mehr gesagt. Außer: "Es tut gar nicht mehr so weh", und: "So schlimm ist es ja nicht." Er war völlig verunsichert. Plötzlich hat der Vater sich seine Jacke geschnappt und ist rausgerannt. Und ich stand da mit dem Jungen.