Aber kaum einer sagt mehr: "Dieser Stress ist ja nicht auszuhalten!" Stattdessen scheint "Na ja, der übliche Stress eben" die Standardantwort auf "Wie geht es dir?" geworden zu sein. Ganze Branchen kokettieren damit, dass bei ihnen geackert wird, bis der Arzt kommt. Castingshows zeigen, dass nur der es ganz nach oben schafft, der hart an sich arbeitet. Stress ist zum Statussymbol geworden. Nur wer Stress hat, ist erfolgreich. Ist gefragt. Ist präsent. Wie Miriam Meckel, einst jüngste Lehrstuhlinhaberin Deutschlands, die für ihre Vorträge jahrelang durch die Welt hetzte und noch die letzte ruhige Minute mit einer E-Mail füllte. So haben schon Studenten das Gefühl, sie müssten Dauerleister sein, um heute den Anforderungen von morgen entgegenzukommen.

Also wird gearbeitet. Man geht frühmorgens in die Bibliothek und verlässt sie erst spätabends wieder, obwohl man schon nach ein paar Stunden das Gefühl hat, nichts mehr in den Kopf zu kriegen. Der Computer bleibt an, auch wenn man lediglich mit der Freundin zwei Reihen weiter chattet. Statt Ferien macht man Praktikum, statt einer Reise ein Auslandssemester. Lückenlos wie der Lebenslauf werden auch die Tage des Studiums. "Freizeit zu haben macht Studenten ein schlechtes Gewissen", hat Wilfried Schumann beobachtet. "Sie sehen sie als verlorene Zeit an." Dabei steigert schon ein halbstündiges Nickerchen zwischendurch die Reaktionsschnelligkeit um 16 Prozent, wie eine Studie mit Piloten der Nasa zeigte.

Das Problem ist: Wer so anfängt, macht auch so weiter. Er muss dafür nicht einmal bei einer Unternehmensberatung anheuern, die dafür bekannt ist, viel von ihren Einsteigern zu verlangen. Er kann auch Ingenieur werden oder Wissenschaftler (siehe Protokoll) – "ausbrennen kann man in jedem Beruf, unabhängig von der Tätigkeit", sagt der Arzt Gernot Langs. Dagegen habe auch kein Arbeitgeber etwas: "Burn-out-Betroffene sind dankbare Mitarbeiter, denn sie leisten überdurchschnittlich viel. Zumindest solange sie können."

Aber kann man sich dem allgemeinen Leistungsdenken überhaupt entziehen? In vielen Artikeln über Burn-out-Kranke sitzen die am Ende auf einem Bauernhof und bauen dort Radieschen an – das klingt sehr entschleunigt, ist aber als Lösung für eine ganze Gesellschaft nur bedingt praktikabel. Und einem Studenten, der gerade erst ins Berufsleben einsteigen will, hilft diese Aussteigerfantasie sicher nicht weiter.

Aber das muss sie auch nicht. "Niemand, der etwas leisten will, sollte das nicht auch tun", sagt Gernot Langs. "Er sollte es nur mit einer anderen Einstellung tun und 'Ich möchte oft' sagen, anstatt 'Ich muss immer'." Allein sich den Druck des ständigen Funktionierenmüssens zu nehmen hilft – dazu muss man nicht gleich das Studium oder den Job hinschmeißen. "Studenten glauben heute, es müsste immer alles klappen", sagt Schumann. "Dabei ist ein gesundes, gepflegtes Scheitern für jede Biografie eine Bereicherung."

Miriam Meckel hat ihr Scheitern nicht nur als Warnung verstanden und seitdem ihren Terminkalender entschlackt, sie hat es durch ihr Buch auch zum Thema gemacht. Eine Dauerleisterin, die sich als Vorbild selbst demontiert, weil sie eingesteht, wie ungesund dieses Erfolgsmodell in Wirklichkeit ist. Die Zeit ist reif für neue Vorbilder, die zeigen, dass man ohne Stress mehr erreicht. Und deswegen bringt der Uni-Psychologe Schumann seinen Studenten jetzt das bei, was er früher von ganz alleine konnte: einfach mal das Buch weglegen. Eine Blume pflücken, in den Himmel gucken.

Pause machen.