Rainer Langhans entsteigt dem Taxi wie eine Erscheinung. Braun gebrannte Haut. Wallendes graues Haar. Weiße Baumwollkleidung. Jutebeutel. Langhans, der Mitbegründer der legendären Kommune I, die Ikone der sexuellen Revolution, der ehemalige SDS-Vorstand, ist seit 37 Jahren Veganer, und so dauert es in der Mensa eine Weile, bis er sich für Spargel-Teigtaschen und frisch gepressten Apfelsaft entschieden hat. Langhans wünscht freundlich »Guten Appetit«, faltet unter dem Tisch schweigend die Hände und schaut eine Minute lang verklärt den Vögeln hinterher, die in diesem Moment vor dem Fenster von Baum zu Baum fliegen.

ZEIT Campus: Beten Sie immer vor dem Essen?

Rainer Langhans: Ja. Ich danke dem Universum für diese Nahrung. Ich will Respekt zeigen vor den Lebewesen, die dafür gestorben sind. Auch wenn es nur Pflanzen waren.

ZEIT Campus: Es heißt immer, Sie mögen Tabubrüche. Würden Sie sich nachher für unser Foto ausziehen, so wie früher?

Langhans: Wie bitte?

ZEIT Campus: Auf alten Bildern sind Sie auch immer nackt. Entweder Sie stehen nackt vor einer Wand oder sitzen ohne Hemd neben der barbusigen Uschi Obermaier .

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Langhans: Das waren schöne Inszenierungen. Wir wollten den Menschen zeigen, wie frei man sein kann. Den Reportern sagten wir: Bei uns gibt es allgemeine Zärtlichkeit, keine Zweierbeziehungen. Die fragten: Heißt das, dass jeder mit jedem schläft? Wir sagten: Klar, schreibt nur. Und dann haben sie Sachen geschrieben wie: »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.«

ZEIT Campus: Der Satz stammt nicht von Ihnen?

Langhans: Nein, den hat sich, glaube ich, ein Reporter vom stern ausgedacht.

ZEIT Campus: Aber das Image der Sex-Kommune haben Sie immer bewusst gefördert.

Langhans: Klar, sexuelle Freiheit war eine unserer Forderungen. Anders als Rudi Dutschke reichte es uns nicht, den Kapitalismus abzuschaffen. Wir wollten uns selbst neu erfinden. Kein Mensch darf einem anderen Menschen gehören! Wir haben damals zu Rudi gesagt: Du kannst nicht Revolutionär sein und gleichzeitig diese Spießerehe mit Gretchen führen – komm in die Kommune! Er sagte: Nein, nein, da wird Gretchen eifersüchtig, das erlaubt sie mir nicht.

Nach und nach wird es voller in der Mensa, die Vorlesungen sind vorbei. Langhans sitzt vor seinem Tablett und pflegt eine eher bürgerliche Höflichkeit: Beim Essen achtet er merklich darauf, nicht mit vollem Mund zu sprechen.