ZEIT Campus: Schauen Sie sich hier in der Mensa um. Sehen diese Studenten sexuell befreit aus?

Langhans: Absolut. Das Körperliche war für uns immer nur der erste Schritt. Heute sind die Jugendlichen weiter. Die sind vorsichtiger, verhandeln vor dem Sex sehr viel miteinander. Geheiratet wird, wenn überhaupt, sehr spät. Ich finde das großartig. Man muss weiter nach innen gehen, zur geistigen Freiheit. Weg vom Körperlichen.

ZEIT Campus: Manche beklagen, dass unsere Generation keinen Langhans hat und keinen Dutschke.

Langhans: Das ist doch ein Glück! Wir wollten ja auch weg von diesem Führer-Gedanken, haben es aber nie ganz geschafft. Heute ist jeder sein eigener Studentenführer.

ZEIT Campus: Andere nennen das angepasst.

Langhans: Das stimmt nicht. Das sieht man schon an der Kleidung. Ich habe ein Foto von früher mitgebracht, da verteile ich Flugblätter. Schauen Sie, wie die Studenten rumliefen. Die Männer mit Anzug und Schlips, die Frauen im Kostüm. Das Lockerste waren Cordhosen, und ein paar Existenzialisten trugen schwarze Rollkragenpullover. Ich lief ja auch so rum.

ZEIT Campus: Im Anzug?

Langhans: Ja, das war vor der Kommune. Ich war Jurastudent, hatte kurze Haare und trug ein Sakko.

ZEIT Campus: Klingt nicht sehr revolutionär.

Langhans: War es auch nicht. Ich war damals vollkommen verklemmt. Man könnte sogar sagen: hochneurotisch. Ich konnte überhaupt nicht mit Menschen umgehen.

ZEIT Campus: Und wie wurden Sie zum Kommunarden?

Langhans: Meine Freundin machte mit mir Schluss, weil sie Kinder wollte und heiraten. Sie sagte: Entweder ich mache das mit dir – oder mit jemand anderem. Ich konnte das aber nicht, ich war ja selbst noch ein Kind. Also hat sie mich verlassen. Ich habe geweint und begriffen: Die eigentliche Revolution ist die Schaffung freier und liebevoller Menschen. Dafür war die Kommune der Laborversuch.

ZEIT Campus: Kann man eigentlich sagen, dass Sie mit der Kommune die moderne Wohngemeinschaft erfunden haben?

Langhans: Ja, vor der Kommune I gab es keine WGs. Damals lebten die Studenten entweder noch bei den Eltern oder zur Untermiete.

ZEIT Campus: Dann verraten Sie uns doch, wie man in einer WG zusammenlebt, ohne zu streiten.

Langhans: Sie meinen, wenn einer kocht und den schmutzigen Topf eine Woche lang rumstehen lässt?

ZEIT Campus: Zum Beispiel.

Langhans: Mein Gott, ist das langweilig! Wen interessiert dieser Topf? Ausschließlich Spießer gucken aufs Materielle. Wer in seinem Geist lebt, dem fallen solche Dinge gar nicht auf.

ZEIT Campus: Jeder vierte Student lebt heute in einer WG. Sind das alles Kommunarden?

Langhans: Nein, das sind meistens Zweckgemeinschaften. Die wirkliche Kommune ist heute das Internet,eine geistige Gemeinschaft. Facebook zum Beispiel. Ich habe dort auch ein Profil.

Ein Student bleibt mit seinem Tablett stehen: »Sie sehen aus wie Rainer Langhans!« Der muss lachen. »Ich seh nicht nur so aus!«