ZEIT CAMPUS:  Herr Honneth, wussten Sie, dass Sie der sechstwichtigste Philosoph Deutschlands sind?

Axel Honneth: Nein, wie kommen Sie darauf?

ZEIT CAMPUS: Die Gesellschaft für Philosophie und Wissenschaft wertet Google-Treffer aus. Auf Platz eins liegt Habermas, Sloterdijk ist drei Plätze vor Ihnen, hinter Ihnen folgt Otfried Höffe. Würden Sie sich auch so einordnen?

Honneth: So in etwa vielleicht.

ZEIT CAMPUS: Können Sie selbst erklären, warum Axel Honneth ein wichtiger Philosoph ist?

Honneth: Das ist eine unangenehme Frage, aber gut: Ich bin bekannt für eine sogenannte Theorie der Anerkennung, das heißt, ich betrachte soziale Konflikte als einen Kampf um Bestätigung, Wertschätzung und Respekt. Ein gutes Beispiel sind die Bürgerrechtsbewegung in den USA oder die Frauenbewegung. Es ging vordergründig um materielle Forderungen: die Erlaubnis, als Schwarzer in eine Theatervorstellung zu gehen oder als Frau Politikerin zu werden. Eigentlich aber handelten diese Konflikte von einem Kampf um Anerkennung. Ich glaube, dass sich alle sozialen Konflikte darauf reduzieren lassen.

ZEIT CAMPUS:  Und weshalb ist Ihre Theorie wichtig?

Honneth: Wahrscheinlich aus zwei Gründen. Erstens: Man kann mit ihr moralische Fragen besser als mit anderen Theorien auf unsere Lebenswirklichkeit beziehen. Zweitens: Sie ist auch für andere Disziplinen relevant, etwa für die Soziologie oder die Politologie.

ZEIT CAMPUS: Mit Ihrer Kritik an Ihrem Kollegen Peter Sloterdijk haben Sie kürzlich eine Debatte in den Feuilletons angestoßen. Sie warfen Sloterdijk vor, ein schlechter Philosoph zu sein. Warum?

Honneth: Methodisch sind seine Arbeiten eine Katastrophe, seine Argumente sind höchst zweifelhaft. Trotzdem wird er von einem großen Publikum ernst genommen. Er hat tiefreaktionäre Züge, die er mit einem radikalen Gestus verkleistert. Das macht mich nervös.

ZEIT CAMPUS: Sloterdijk hat Philosophie im Fernsehen populär gemacht. Schauen Sie sein »Philosophisches Quartett« manchmal?

Honneth: Ab und zu. Ehrlich gesagt finde ich die Sendung erbärmlich. Ich stamme aus einer Zeit, in der geisteswissenschaftliche Diskussionen in den Medien mehr Raum hatten und nicht auf schrille Thesen angewiesen waren, um die Quoten zu erhöhen.

ZEIT CAMPUS: Sie streiten mit Sloterdijk darüber, was gute Philosophie ist, die meisten Menschen wissen aber nicht einmal, womit sich Philosophen überhaupt beschäftigen. Kennen Sie dieses Gemälde hier ?

( Der Philosoph von Rembrandt )

ZEIT CAMPUS:  So stellt man sich Philosophen vor, ein bisschen traurig, nachdenklich, einsam. Erkennen Sie sich in diesem Bild wieder?

Honneth: Eigentlich gar nicht. Es gibt einsame Phasen, aber die sind nicht traurig, sondern im Gegenteil die schönsten Phasen, da ich ungestört von Telefonaten und Sitzungen zum Nachdenken komme. Das eigentliche Denken macht wahrscheinlich nur zehn Prozent meiner Arbeit aus. Im Wesentlichen besteht diese Arbeit aus Schreiben, dem Zu-Papier-Bringen von noch unfertigen Gedanken.