Die abgründige Lolitaprosa ihres Debütromans "Die Anstalt der besseren Mädchen" verzaubert. Diverse Literaturwettbewerbe hat sie schon gewonnen. Gerade schreibt sie ihren zweiten Roman und ein Drehbuch für einen Kinofilm. © Julia Zange

Nimmt man die Geschichten aller hundert Studenten zusammen, entsteht so etwas wie der Lebenslauf einer ganzen Generation. Gern wird dann allen ein plakatives Etikett angeheftet, damit man in der Vielfalt nicht den Überblick verliert: die Generation Krise, die Generation Praktikum, die Generation Bachelor. Und wenn von den Studenten von heute die Rede ist, dann gern mit Häme: Sie hätten den Idealismus ihrer Eltern gegen einen Opportunismus in Stromlinienform eingetauscht, heißt es manchmal. An die Stelle der Träume früherer Generationen (gern der 68er) seien Pragmatismus und Egoismus getreten. "Traurige Streber" nannte Jens Jessen die junge Generation unlängst im Feuilleton der ZEIT .

Die Geschichten der Hundert ergeben ein anderes Bild. Erstens: Es gibt keine Generation. Es gibt Träumer und Pragmatiker, Angepasste und Subversive, Nachwuchspolitiker und Aktivisten, Menschen wie Ralf Retter und Menschen wie Malte Bischof, der in Tübingen im dritten Semester Philosophie studiert und an nichts Geringerem als an einer metaphysischen Weltformel arbeitet. 

Ist der Lenin des 21. Jahrhunderts, weil er die Arbeitswelt revolutioniert. In seinem Berliner Betahaus-Büro mieten sich Freiberufler ohne festen Arbeitsplatz ein. Filialen in Zürich, Lissabon und Hamburg sind geplant. © Christoph Fahle

Zweitens: Es gibt viel Idealismus. Er drückt sich nur anders aus, nämlich effizienter als früher. Statt mit bunten Plakaten in der Fußgängerzone Solidarität mit Nicaragua zu fordern, gehen Studenten heute dorthin, wo sie wirklich helfen können. Vielleicht könnte man Alexander Rybka auch als Streber bezeichnen. Er macht gerade mit 21 Jahren seinen Masterabschluss am Imperial College in London. Das ist eine der besten Universitäten Europas. Imponierender aber ist E.quinox , ein Projekt, das Rybka mit Kommilitonen aufgebaut hat: In armen Dörfern von Ruanda installieren sie Solarzellen, über die sich die Bewohner mit Strom versorgen. So gesehen ist Rybka wirklich anders als die Generation seiner Eltern: Er wandelt seinen Idealismus in pragmatische Lösungen um.

War in Daniel Richters Meisterklasse, um Bildende Kunst zu lernen, und warf hin, um Musik zu machen. Als das erste Soap&Skin-Album herauskam, war sie 18. Beängstigend jung für eine beängstigend reife Platte. © Katja Ruge

Für noch mehr Überraschung sorgt der Blick auf die Bilder. Wie stellt man sich jemanden vor, der an seiner Universität als bester BWL-Doktorand seit 15 Jahren gilt? Mit Maßhemd und Goldknopfjackett vielleicht? Säße man neben Jorgo Georgiadis in der U-Bahn, man würde ihn vielleicht für einen Sportler halten, aber nicht für den Wissenschaftler, der er ist. Oder würde man dem 23-jährigen Wolfgang Silbermann auf einer Party abnehmen, dass er persönlicher Referent von Frank-Walter Steinmeier ist?

Fragt sich am Ende, welchen Gewinn man aus einer solchen Liste ziehen kann. Die Mahnung, selbst schnell fünf NGOs zu gründen, um den Regenwald inklusive sämtlicher Ureinwohner zu retten? Den Zwang, das Auslandssemester lieber mit Seitenscheitel in Oxford statt mit Badehose in Barcelona zu verbringen?

Besser nicht. Aber man kann sich inspirieren lassen von dem Mut, mit dem manche Kommilitonen sich auf das konzentrieren, wofür sie sich wirklich begeistern. Und von der Energie, mit der sie ihren Weg gehen.

Sie engagieren sich für Frieden und Klimaschutz, sie schreiben Romane und Musicals, sie gründen Unternehmen, melden Patente an und suchen die Weltformel: Die komplette Liste der 100 Studenten lesen Sie in der Titelgeschichte "100 Studenten von denen wir noch hören werden" im aktuellen ZEIT CAMPUS-Heft.