Das Mädchen auf dem Pferd hat den Hahn seiner Pistole gespannt. Es zielt schnurgerade über den Pferdekopf, und seine violetten Scherenschnitthaare flattern vor dem blassblauen Coverhimmel. Liebe ist ein Heckenschütze heißt das Buch. Bei der Frankfurter Buchmesse soll es auf den Ausstellungsbrettern platziert werden, ein Cover neben dem anderen, eine ganze Reihe schießender Mädchen.

Dass dieses Buch im Mittelpunkt einer Geschichte steht, in der es um kreative Berufe im Verlagswesen gehen soll, hat mehrere Gründe. Seine Autorin Lola Arias kommt aus dem diesjährigen Buchmessen-Gastland Argentinien und gilt spätestens seit der argentinisch-deutschen Schriftstellerkonferenz "Botenstoffe" als eine seiner spannendsten jungen Vertreterinnen. Das Cover ist aufwendiger gestaltet als die meisten, weshalb man die Grafikerinnen, die daran gearbeitet haben, durchaus als Künstler bezeichnen kann. Und das Beispiel des Blumenbar Verlags, in dem das Buch erscheint, zeigt, wie Kreativität Erfolg haben kann, auch wenn sich mit Kunst meist weniger Geld machen lässt als in anderen Berufen.

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Die fünf Blumenbar-Mitarbeiter sind im letzten Herbst in ein paar Räume des alten Ostberliner Fernmeldeamtes unweit vom Alex gezogen, wo es noch keine Klingel gibt; man wird an der Tür von der Volontärin abgeholt, und wahrscheinlich würde man sich in den schmalen Gängen sonst verlaufen. An der Wand des Lofts hängt das Blumenbar- Logo in goldener Schreibschrift – es ist das alte Schild eines Blumenladens, das der Verleger und Lektor Wolfgang Farkas geschenkt bekam, als er anfing, Literatursalons in seiner Münchner Wohnung zu veranstalten. 2002 gründete er den Verlag. Der ehemalige Kulturjournalist hat sich sein unternehmerisches Wissen angeeignet, während aus einem Titel pro Jahr zwölf wurden und der Berlin Verlag den Vertrieb übernahm. Jetzt hat Blumenbar eine Zwischenstellung zwischen den kleinen Independent-Verlagen und den großen Häusern. Der Umzug in die Hauptstadt ist Folge und Symbol dieses Wachstums zugleich.

Wolfgang Farkas sitzt vor seinem Macbook an dem dunklen Holztisch, auf dem sich Manuskripte und Nachschlagewerke stapeln, und scrollt sich durch die Textbausteine, die erstmals aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt worden sind. Wie stimmig ist es, mit einem Gedicht einzusteigen? Soll es einen eigenen Kurzgeschichtenblock geben, oder muss sich eine Gesamtdramaturgie entwickeln? Liebe ist ein Heckenschütze ist eine Sammlung von Texten rund um ein Theaterstück, in dem sechs Personen über Liebe reden und dabei russisches Roulette spielen. Anders als bei einem Roman muss Farkas daher nicht darauf achten, ob eine Figur sich selbst von der ersten bis zur letzten Seite treu bleibt. Das Lektorat nimmt den größten Teil der Arbeit an einem Buch in Anspruch, in vielen Fällen fast ein Jahr. Sind die letzten Korrekturen im Satz gemacht, dauert es nur noch wenige Wochen, bis die Seiten und der Umschlag gedruckt sind.

In seinem lässig sitzenden Sakko könnte Wolfgang Farkas jedes Alter zwischen 35 und 45 haben, und wenn er über seinen Beruf spricht, ruhig und mit kleinen Pausen zum Gedankensammeln, kann man sich sofort vorstellen, wie er mit seinen Autoren umgeht: behutsam, um sie nicht zu verletzen, und dennoch bestimmt, um die Korrekturen am Text durchzusetzen, die er für wichtig hält. "Als Lektor bin ich ein Zwitterwesen", sagt er. "Ich muss extrem empathisch sein und mich in unterschiedlichste Autoren hineindenken. Gleichzeitig muss ich manchmal auch so stark sein, einen Text vor seinem Autor zu schützen." Sein Name steht am Ende allerdings nicht auf dem Buchdeckel. Was Farkas nicht weiter stört. Er hat sich auch einmal an einem Roman versucht, "aber irgendwann kam die Selbsterkenntnis, dass das nicht mein Ding ist."

Stattdessen spottet er andere Autoren, wie das im Jargon heißt. Er liest Blogs, spricht Künstler an und arbeitet sich durch die Manuskripte, die in seinem Posteingang landen. In der Branche ist das inzwischen eine Seltenheit – Agenturen haben sich als Mittler zwischen Autoren und Verlagen etabliert, und die meisten Lektoren überlassen es ihnen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn: "Es gibt leider eine große Masse an Leuten, die glauben, eine besondere Leidensgeschichte zu haben genüge schon, um einen Roman zu schreiben", wie es Farkas vorsichtig formuliert.

Mit Lola, wie er seine Autorin nennt, hat ihn ein befreundeter Theatermacher aus Wien zusammengebracht. Eine zierliche Frau mit wilden dunklen Haaren betritt den Verlag; sie trägt einen dicken Strickpulli gegen die deutsche Kälte, an die sie sich noch immer nicht ganz gewöhnt hat, obwohl sie bereits seit sechs Monaten in Berlin lebt. Arias ist eine typische Blumenbar-Autorin – besser gesagt, ein Blumenbar-Mensch, denn hier geht es immer um die Gesamterscheinung: Sie schreibt nicht nur, sondern inszeniert auch Stücke wie gerade The Enemy Within im Berliner Theater Hebbel am Ufer, und sie trägt ihre eigenen Songs zur Gitarre vor. Eine gute Kombination, wie sie findet. Sie könne nicht ausschließlich in der Einsamkeit ihrer Wohnung sitzen und schreiben – die Zusammenarbeit mit den Schauspielern inspiriere sie. Dieser Austausch wirkt auch in ihre Kurzgeschichten hinein. Anfangs kreisten die stark um sie selbst, wie die der Schwimmerin, die kurz davor ist, 30 zu werden, und auf ihren Bahnen ihr Leben passieren lässt. Inzwischen kommen immer mehr neue Charaktere hinzu, eine Putzfrau vielleicht oder eine Friseuse.