ZEIT CAMPUS: Frau Klein, für Ihre Diplomarbeit haben Sie eng umschlungene Paare fotografiert. Sind das wirklich Umarmungen – oder eher Ringkämpfe?

Ute Klein: Es gehören beide Facetten zu einer Beziehung, das Zärtliche und das Aggressive. Meine Bilder lassen diese Frage mit Absicht offen. Sie zeigen ein ambivalentes Bild. Zum Teil kämpfen die Paare, zum Teil tanzen sie, zum Teil ruhen sie in sich.

ZEIT CAMPUS: Die Umarmung als Ausdruck der Beziehung.

Klein: Genau. Für eine andere Serie, die ich vorher gemacht habe, hatte ich Paare einfach nur beobachtet und dabei gemerkt, wie schwierig es ist, die Emotionen im Bild zu zeigen, auch unabhängig von den Personen. Deshalb wollte ich in dieser Serie die Gefühle durch Körpersprache zeigen. Ich will sozusagen das Innenleben der Paare nach außen kehren.

ZEIT CAMPUS: Verarbeiten Sie auch persönliche Erfahrungen?

Klein: Die Auslöser für meine Arbeiten sind eigentlich immer persönliche Momente. Und danach entwickelt das Projekt ein Eigenleben.

ZEIT CAMPUS: Welcher Moment war das hier?

Klein: Ich lebte damals in einer Fernbeziehung. Da fängt man an, grundlegende Fragen zu stellen: Wie viel Distanz können wir ertragen? Wie nahe wollen wir uns sein? Worauf können wir im Alltag verzichten? Diesen Fragen wollte ich nachgehen.

ZEIT CAMPUS: War es schwer, die Paare zu überreden, bei dem Projekt mitzumachen?

Klein: Die ersten Bilder habe ich mit Freunden gemacht, weil es leichter war, sie anzusprechen. Später habe ich auch mit fremden Leuten zusammengearbeitet, die ich wegen der Form ihrer Körper oder ihrer Haare interessant fand. Oder einfach nur deshalb, weil sie zusammen ein schönes Paar sind. Ich habe ihnen die Bilder gezeigt, die schon fertig waren. Damit hatten sie eine bessere Vorstellung, worauf sie sich einlassen.

Die Fotografin Ute Klein hat Paare dazu gebracht, sich ineinander zu verkeilen © Ute Klein

ZEIT CAMPUS: Haben sich die Paare vor der Kamera wohlgefühlt?

Klein: Nicht immer. Manche Paare konnten sich nicht so gut auf den arrangierten Ort, die Kleidung, das Spiel mit mir und der Kamera einlassen.

ZEIT CAMPUS: Wie muss man sich das Fotografieren vorstellen – haben Sie einfach gesagt: Jetzt umarmt euch mal?

Klein: Nein, das war ein spielerischer Akt. Ich habe größtenteils bei den Paaren zu Hause fotografiert. Ich habe mir das vorher angeschaut, auch ihre Kleiderschränke, und habe dann eine Bühne arrangiert. Die meisten Posen kamen von den Paaren selbst, deshalb war es auch wichtig, dass es wirkliche Paare sind und keine Schauspieler oder Tänzer. Die wären körperlich zwar mobiler gewesen, aber man hätte keine Echtheit gespürt. Das tatsächliche Ringen miteinander, um Wünsche, Träume, Enttäuschungen und Ängste, das aus diesen Bildern spricht.