Es war Ende Februar 2009, ein nasskalter Tag, als mein Telefon klingelte. Ich arbeitete gerade ein Jahr als Rechtsanwältin in einer Kanzlei in Stuttgart-Vaihingen. Ich hatte bisher Betrüger, Diebe und Schläger vor Gericht vertreten, jeder Tag war eine neue Herausforderung für mich. Ich nahm ab. "Können Sie uns helfen?", fragte eine tiefe Männerstimme. "Unser Sohn sitzt in Untersuchungshaft. Er braucht einen Anwalt." – "Worum geht es?", fragte ich. "Er wird verdächtigt, Mitglied von al-Qaida zu sein."

Ich wusste sofort, das ist etwas Großes. Eine riesige Chance. Wenn man in einem solchen Verfahren überzeugt, ist man auf einen Schlag in der Branche bekannt. Ich wusste aber auch, dass es kein einfacher Fall werden würde. Ich sollte jetzt jemanden verteidigen, dem man vorwarf, in den Lagern von al-Qaida zum Terrorkämpfer ausgebildet worden zu sein und die Organisation mit Geld und Ausrüstung versorgt zu haben. Warum sich die Familie des Angeklagten gerade an mich gewendet hat, weiß ich bis heute nicht. Für Strafverteidiger ist es ganz normal, dass sie einfach angerufen werden. Meistens laufen die Empfehlungen über Mundpropaganda.

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Ganz gleich, ob ich einen Taschendieb, einen Mörder oder einen Terroristen verteidige, für mich muss es immer darum gehen, meinen Job so gut wie möglich zu machen. Schließlich hat in unserem Staat jeder das Recht auf einen Anwalt, und das ist gut so. Natürlich berührt es mich, wenn ich über die Opfer von Anschlägen lese. Aber ich hatte keine schlaflosen Nächte, weil ich einen Terrorverdächtigen verteidigen würde. Bei meiner Arbeit darf ich mich nicht von Gefühlen leiten lassen.

Nach dem Anruf habe ich Herrn Ö. das erste Mal im Gefängnis besucht. Die Gespräche fanden in fensterlosen Räumen von etwa sechs Quadratmetern statt, in der Mitte unterteilt durch eine Glasscheibe. Auf der einen Seite saß ich, auf der anderen Seite der Inhaftierte. Das kann doch kein Terrorist sein, dachte ich, als ich ihn da sitzen sah. Herr Ö. ist sehr gepflegt, kämmt sich immer etwas Gel in seine kinnlangen Haare, rasiert sich sorgfältig, trägt stets Hemden. Bei unserem ersten Treffen ging es darum, ob er zustimmt, dass ich seine Anwältin bin. Und er war einverstanden, irgendwie schien er mir zu vertrauen.

Ein halbes Jahr lang habe ich Unterlagen gewälzt, insgesamt bestimmt hundert Aktenordner. Oft habe ich zu Hause noch bis tief in die Nacht gelesen. Herrn Ö.s. Telefonate wurden jahrelang abgehört, er wurde beschattet, Zeugen und Angehörige wurden befragt. Da ist einiges zusammengekommen. Zusätzlich habe ich mich noch mit al-Qaida, Extremismus und dem Islam beschäftigt.

Alle zwei Wochen bin ich in die JVA gefahren. Als Strafverteidigerin bin ich auch für die Betreuung des Mandanten im Gefängnis zuständig. Ich beantragte zum Beispiel bei Gericht, dass er seine eigene Kleidung tragen durfte. Oder dass es ihm erlaubt wurde, bestimmte Lebensmittel in Empfang zu nehmen. Er wollte immer Sonnenblumenkerne haben, weil er die so gerne mag.

Während der Besuche gingen wir die Akten durch: Wie war das genau? Was ist wann passiert? Unsere Gespräche waren ganz locker, wie mit einem guten Bekannten. Schließlich hatten wir beide ein Interesse daran, den Prozess erfolgreich abzuschließen. Am Anfang bestritt Herr Ö. die Anklagepunkte. Irgendwann aber sagte er: Frau Wanka, ich möchte gestehen. Gute Idee, habe ich gesagt. Ein Geständnis ist immer strafmildernd. Er hat dann zugegeben, dass er zweimal in Ausbildungslagern von al-Qaida war und dass er geholfen hat, Gegenstände nach Deutschland zu schmuggeln. Er sagte aber auch, dass er sich schon vor der Verhaftung von al-Qaida abgewendet habe und dass er starke Zweifel gehabt habe, ob die Aktionen der Terrororganisation mit seinem Gewissen vereinbar seien. Für diesen Wandel gibt es Belege, Tagebucheinträge, aber auch Telefongespräche. Das habe ich betont, als ich mein Schlussplädoyer hielt: Herr Ö. hat die Abkehr geschafft und möchte nach seinem Gefängnisaufenthalt ein normales Leben mit Beruf und Familie beginnen. Viereinhalb Jahre habe ich als Strafmaß vorgeschlagen, die Bundesanwaltschaft forderte sechs. Am Ende sind die Richter der Staatsanwaltschaft gefolgt. Auch wenn ich mich nicht durchgesetzt habe, bin ich nicht frustriert. Schließlich hätte es auch schlimmer kommen können, wenn man bedenkt, dass allein für die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zehn Jahre Haft verhängt werden können. Herrn Ö. werde ich auch in Zukunft rechtlich betreuen, neben meinen anderen Mandanten. Im Moment bin ich nämlich bereits an meinem nächsten großen Fall dran. Es geht um dreifach versuchten Mord.