Wir meistern die Dauerkrise

Seit wir denken können, war immer irgendwo Krise. Als Kinder lernten wir, dass die Wälder vom sauren Regen zerfressen werden und dass sich in Omas Kaffeetasse die Übel dieser Welt wiederfinden: Kinderarbeit, chemischer Dünger und die Ausbeutung des armen Südens durch den reichen Norden. Wir lasen Gudrun Pausewangs Die letzten Kinder von Schewenborn und fragten uns, wann die nukleare Wolke kommt. Die Probleme schienen umso schrecklicher, weil wir nichts zu ändern vermochten: Was konnten wir schon tun, wenn sich auf dem Balkan Menschen abschlachteten? Wir durften ja nicht einmal wählen!

Dann kam der 11. September: Eine Gruppe bärtiger Männer schaffte es, die Welt in zwei Lager zu spalten. Auch im Privaten mehrten sich die Krisen. "Generation Praktikum" wurde zum Synonym für die Arbeitsmarktängste ganzer Jahrgänge. Später folgte die Finanzkrise.

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Eigentlich müsste unsere Generation in Zukunftsangst erstarren oder verzweifelt die Ellenbogen ausfahren, um trotzdem Karriere zu machen. Aber so sind wir nicht. Wir haben ohnehin nie geglaubt, dass die Rente sicher ist und Arbeitsplätze fürs Leben vergeben werden. Längst haben wir uns mit der Dauerkrise arrangiert, wie man sich an einen schwerhörigen Nachbarn gewöhnt, der jeden Abend seine Volksmusik aufdreht. Wir wissen: Irgendwie geht es immer weiter.

Wir sind politisch

2009 war ein besonderes Jahr. Eine Viertelmillion Schüler und Studenten gingen auf die Straße. Sie hielten Plakate in die Höhe, "BSE: Bildung statt Erger", und sie besetzten Hörsäle und kampierten im Audimax.

Die Zeiten sind vorüber, in denen sich unsere Stimme überhören ließ. Wir ziehen uns nicht brav in die WG-Küche zurück, sondern brechen auf, die Welt zu verändern. Dabei entwickeln wir eigene Formen des Protests. Wir wollen nicht 30 Jahre Kassenwart im SPD-Ortsverein sein, das passt nicht in eine Lebenswelt, in der wir heute in Osnabrück und morgen vielleicht in New York leben. Lieber verfassen wir Onlinepetitionen und Facebook-Aufrufe oder fahren mit der Isomatte zur Anti-G-8-Demo.

Wir fragen uns: Wo können wir wirklich etwas bewirken? Wir helfen eher ein paar Monate im Altersheim, als bei Sit-ins den Raubtierkapitalismus anzuprangern. Unsere ersten Gehälter tragen wir in den Biosupermarkt. Gern streiten wir für konkrete Ziele: Am 1. Mai 2010 setzten sich Tausende in Berlin-Prenzlauer Berg auf die Straße und stoppten einen Nazi-Aufmarsch. Und wir geben der Anti-Atom-Bewegung, die schon historisch schien, neuen Auftrieb.

Weder glauben wir, dass der Staat alles richtet, noch, dass wir hilflos bösen Mächten ausgeliefert sind. Wir wollen mitmischen. Wir sind eine idealistische Generation.