Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, als aus Katrin, die gerne lange schläft, Indiemusik hört und sich in Cafés mit Freundinnen verquatscht, Frau Hornung wird – die Lehrerin, die noch kopieren, Versuche vorbereiten und alle Termine für den Tag im Kopf haben muss. Um sechs Uhr hat ihr Wecker geklingelt, sie hat das tägliche Klamottenproblem – nicht zu sexy, nicht verkleidet – gelöst und trägt nun T-Shirt und Sneakers zur schwarzen Hose. Katrin Hornung ist 29 Jahre alt und seit einem Jahr Lehrerin für Chemie und Deutsch am Max-Planck-Gymnasium in Karlsruhe, einem typischen 50er-Jahre-Kasten, in dem rund 900 Schüler lernen. Ihr eigenes Abi ist zehn Jahre her, sie hat 14 Semester Lehramtsstudium in Heidelberg hinter sich und ein Referendariat in Göppingen. Dass sie die Schule heute anders erlebt als zu ihrer eigenen Schulzeit, liegt nicht allein daran, dass sie die Seiten gewechselt hat und nun vorne an der Tafel steht. Die Schule selbst hat sich seitdem verändert.

Die Kollegen

Während der Kopierer stampfend Katrins Arbeitsblätter ausspuckt, unterhält sie sich mit einem Kollegen: Wer steht auf welchem Platz der WM-Tipptabelle im Lehrerzimmer? Die beiden könnten genauso gut in einem Copyshop an der Uni sein – von Studenten wären sie nicht zu unterscheiden. Etwa ein Drittel der gut 70 Lehrer am "Max-Planck" ist um die 30, die anderen sind zum Großteil deutlich älter. Und ungefähr so sieht es auch im Rest der Republik aus: Ein Liniendiagramm der Kultusministerkonferenz zu den Neueinstellungen zeigt einen Buckel um 1980, dann ein langes Tal, und ab 1999 geht die Linie wieder steil nach oben. Katrins Schulleiter Uwe Müller vergleicht sein Gymnasium gern mit einem großen Tanker, der langsam neuen Kurs aufnimmt. Die jungen Kollegen beeinflussten ihn am stärksten, sagt er. "Sie bringen Schwung und Ideen mit." An manchen Schulen führt das zu Konflikten. Am "Max-Planck" hingegen arbeiten Berufsanfänger und Ältere gemeinsam als Klassenlehrerteams und profitieren so voneinander.

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"Am Anfang war das voll der Sozialstress, hier reinzukommen", sagt Katrin, während sie ins Lehrerzimmer geht. Sie wirft den Rucksack auf ihren Stuhl, mit ein paar Schritten ist sie am Kaffeeautomaten. "Ich mach heute den Wasserstoffversuch mit der Dose", sagt sie zu ihrem Chemiekollegen Frank. Beim letzten Mal ist das Knallgasgemisch zu früh hochgegangen – in Katrins Hand. Jetzt lässt sie sich von dem Erfahreneren beraten. Es klingelt zur ersten Stunde, Katrin springt auf. Vor dem Chemielabor wartet schon eine Kollegin, die bei der Wasserstoff-Stunde zusehen möchte. Die jüngeren Lehrer am "Max-Planck" haben diese gegenseitigen Unterrichtsbesuche eingeführt, um sich in schwierigen Klassen zu helfen und voneinander zu lernen.

Die Sonderaufgaben

Wer Katrin jetzt im Laufschritt durch die Flure folgt, sieht Schülerkunstwerke an den Wänden, Fotos von Theateraufführungen – und Schilder mit Namen wie Planckistan oder Planckisien. Die gehören zu einem Projekt, das Katrin mitbetreut; eine Woche lang soll sich die Schule in einen Staat verwandeln. So etwas muss lange geplant werden. Katrin arbeitet außerdem in einer Gruppe mit, die ein Methodentraining für Schüler entwickelt. "In solche Aufgaben rutscht man ganz schnell rein, man muss lernen, Nein zu sagen."

Immer schafft Katrin das nicht. Wenn sie gegen halb drei nach Hause kommt, isst sie, fährt den Computer hoch und findet ihr Postfach voller Mails von Kollegen und Schülern. Nach Schulschluss ist ihr Tag noch lange nicht zu Ende: Katrin unterrichtet zwar 18 Stunden pro Woche. Mit Vorbereitung und Zusatzaufgaben kommt sie aber auf eine 40-Stunden-Woche – wenn wenig los ist. Wenn sie Klausuren korrigieren muss, werden es auch mal 60 Stunden. "Ich bin unter der Woche gefühlt die ganze Zeit am Arbeiten", sagt sie. "Vor manchen Sachen schütze ich mich aber." Ihre Telefonnummer gibt sie nur im Notfall heraus, damit es ihr nicht wie einer Kollegin ergeht, die an den Wochenenden regelmäßig Elternanrufe auf dem Handy bekommt. "Eltern sind oft aufgeregt, wenn bei ihren Kindern in der Schule irgendwas nicht läuft", erklärt Katrin. "Man muss denen erst mal den Wind aus den Segeln nehmen." Neulich sagte ein Vater erstaunt zu ihr: "Jetzt, nachdem wir gesprochen haben, sind Sie mir richtig sympathisch."