Klar werden Vielredner belohnt. Im besten Fall mit einer lehrreichen Erfahrung. Wer den Mund auftut, der hat die Chance, einen glorreichen Patzer zu begehen. Ich erinnere mich noch sehr genau: In einem meiner ersten Hauptseminare zitierte ich großspurig aus dem Kopf. Dann richtete der Professor schmunzelnd das Wort an mich – er wusste, dass ich mich im Zitat geirrt hatte. Das war nicht nur peinlich, sondern widerlegte dann auch meine darauf aufbauende steile These. Der Prof war freundlich genug, dies Schritt für Schritt allen vorzuführen. Daraus habe ich gelernt, vor einer Wortmeldung zumindest meine Quellen genauer zu studieren.

Wer redet, merkt, wo er Fehler macht. Die macht man nicht ein zweites Mal. Das ist ein großes Geschenk. Aus nichts lernt man so sehr wie aus einem öffentlich begangenen Fehler. (Am Mangel dieser Erfahrung kranken die Fernkurse.) Dazu gehören natürlich Profs und Kommilitonen, die die Fehler einerseits klar korrigieren, einen aber andererseits nicht für immer abstempeln. Also rate ich jedem, viel zu reden – um Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen.

So war die Frage natürlich nicht gemeint. Ihr wolltet wissen, ob man beim Prof durch viel Gerede Eindruck schindet. Nun ja, wir alle kennen den Vielredner, dem immer was einfällt. "Mein Onkel, der nach Dresden, also in den Osten, übergesiedelt ist, der sagt auch immer..." Oder die fleißige künftige Lateinlehrerin des Typs Hermine Granger. Ein totaler Ausfall an Selbstkritik nervt auch die Profs. Ob diese Studenten aus ihren Fehlern lernen, ist zumindest fraglich.

Das ist die Kunst: zum einen Hemmungen abbauen und den Mund aufmachen. Sich gleichzeitig aber genug Schamgefühl bewahren, um zu merken, wenn man nervt.

Trotz allem sind Vielredner am Ende häufig die Gewinner. Denn sie retten den Prof vor der Masse schweigender Gesichter. Wer da vorne steht, hat immer auch Angst, dass er in ein schwarzes Loch fällt. Solange auch nur einer redet – und sei es nur der Laberer aus der ersten Reihe –, glaubt der Prof, dass sein Kurs funktioniert. Und das belohnen Professoren. Es gibt eine Allianz aus Profs, die sich ihrer Sache nicht so sicher sind, und einigen Studenten, die ohne Hemmungen einfach drauflosreden. Deshalb werden Vielredner tendenziell bei schlechteren oder unerfahrenen Lehrern gezüchtet, aber es gibt sie überall. Wer schon einmal in einem Tutorium unterrichten durfte, kennt diese Dynamik vielleicht (aber dazu ein andermal mehr). Deshalb sollte jeder Dozent Strategien finden, den Kreis der Sprechenden zu vergrößern, selbst wenn die Vielredner wirklich schlau sind.

Wenn ein Kurs mies läuft, gebt also nicht dem Vielredner allein die Schuld. Es ist die Aufgabe des Professors, ihn zu stoppen.

Professor Fritz Breithaupt, 43, erklärt in ZEIT CAMPUS regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrt an der Indiana University in Bloomington, USA.