Das Tor zum Haus der Jahodas in der Wiener Seidelgasse ist mit geschnitzten Löwenköpfen verziert. Vorsichtig hält die kleine Marie ihre Hand in eines der Raubtiermäuler. Es passiert – nichts. Das Kindermädchen hat ihr erzählt, dass der Löwe die Hand abbeißen werde. Marie will das nicht glauben und probiert es einfach aus – eine Herangehensweise, die sie auch später als Wissenschaftlerin beibehalten wird.

Hinter dem Tor, in der Wohnung des Geschäftsmanns Carl Jahoda, geht es turbulent zu. Hier spielen und streiten Marie und ihre drei Geschwister. Dann kommt der Erste Weltkrieg und mit ihm der Hunger. Nach der Kapitulation verteilen englische Quäker Porridge an die Kinder in Wien, und Marie geht jetzt aufs Realgymnasium. Die Mutter will, dass die Töchter die gleiche Ausbildung erhalten wie die Söhne. Diese Ansicht wirkt ansteckend: Weil die Trennung von Mädchen und Jungen bei den Pfadfindern sie stört, wechselt Marie zum Verband Sozialistischer Mittelschüler, der Jugendorganisation der Sozial-demokratischen Arbeiterpartei Österreichs. Im Ferienlager trifft sie auf den Gründer des Verbands, den sechs Jahre älteren Paul Lazarsfeld. Einen Nachtspaziergang später sind sie ein Paar.

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Nach der Matura beginnt ein Leben, das keine Atempause kennt und dessen Aktivitäten locker für drei reichen würden. Marie Jahoda schreibt sich für ein Doppelstudium ein: Lehrerausbildung an der Pädagogischen Akademie und Psychologie an der Uni Wien. Sie heiratet Lazarsfeld, behält aber ihren Mädchennamen, denn sie will nicht als Anhängsel ihres Mannes gesehen werden. Die Studentin stürzt sich in die Arbeit, hilft Schülern im Berufsberatungszentrum, engagiert sich bei den Sozialdemokraten. Weil dabei nicht immer genug Zeit für jede Vorlesung bleibt, erschleicht sie sich schon mal beim Hausmeister der Uni eine Anwesenheitsbescheinigung.

Als 21-Jährige zieht Jahoda für ein Jahr nach Paris, hört Vorlesungen an der Sorbonne und gibt Privatstunden in Latein. Zurück in Wien, kommt 1930 Tochter Lotte zur Welt – und wird sogleich Teil eines Forschungsprojekts, das Jahodas Professorin zur Entwicklung von Babys durchführt: Einen Tag im Monat sammeln die Eltern Daten, protokollieren jede Geste, jedes Lächeln, jeden Laut.

Als Marie Jahoda mit 25 Jahren die jüngste Doktorin Österreichs wird, steckt sie bereits mitten im Projekt Marienthal: In dem Dorf südöstlich von Wien untersucht sie mit Lazarsfeld und weiteren Kollegen von der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle, wie sich Arbeitslosigkeit auf die Menschen auswirkt. Die Textilfabrik dort wurde geschlossen, die Mehrheit der Bewohner ist ohne Job. Die Wissenschaftler sprechen nicht nur mit ihnen, sie notieren auch, was sie essen, welche Bücher sie lesen, und messen die Geschwindigkeit, mit der sie über die Straße gehen. Diese Verbindung quantitativer und qualitativer Methoden ist ein Meilenstein für die empirische Sozialforschung: Die Auswertung von Statistiken wird um Beobachtungen und Einzelinterviews erweitert. Mit einem Koffer voll Material zieht sich Jahoda zurück und schreibt. Das Buch Die Arbeitslosen von Marienthal erscheint 1933, das traurige Fazit: Langzeitarbeitslosigkeit lässt die Menschen nicht aufbegehren, sondern resignieren.

Fast gleichzeitig mit dem Abschluss des Projekts endet auch Jahodas Ehe mit Paul Lazarsfeld. Ihr rasantes Leben aber setzt sie fort: 1936 wird sie verhaftet, weil sie im Untergrund für die inzwischen verbotenen Sozialdemokraten gearbeitet hat, neun Monate sitzt sie im Gefängnis. Nach der Entlassung emigriert sie, wird Assistentin bei Max Horkheimer und später Psychologieprofessorin – erst in New York, dann in Sussex. Bis zu ihrem Tod mit 94 Jahren veröffentlicht Jahoda viele Bücher, aber keines wird so bekannt wie Marienthal, das spätestens seit seiner Wiederveröffentlichung auf Englisch als Klassiker der Sozialforschung gilt.

Und heute? Jahoda würde ihre Arbeit wieder den Benachteiligten widmen und Wissenschaft mit politischem Engagement verbinden. Nach einer Promotion über die Lage von Flüchtlingen würde sie einen Thinktank gründen und die Regierungen mit Argumenten beliefern, endlich eine humane Migrationspolitik mit globaler Perspektive zu betreiben. Als erste Frau, die mit unter 30 den Friedensnobelpreis bekommt, würde sie in Oslo einen Kopfstand machen.