ZEIT CAMPUS: Wie fühlt es sich an, den Titel "Erfinder des MP3-Formats" zu tragen?

Karlheinz Brandenburg: Ehrlich gesagt, mag ich diesen Titel nicht. Denn ich weiß, worauf ich aufbauen konnte und wie viele Erfindungen noch folgten. Gegen "maßgeblich beteiligt" protestiere ich nicht.

ZEIT CAMPUS: Und was ist das für ein Gefühl, maßgeblich beteiligt gewesen zu sein?

Brandenburg: Manchmal muss ich mich noch immer in den Arm zwicken und mich fragen, ob es wirklich wahr ist.

ZEIT CAMPUS: Sie haben mit dem Erfolg nicht gerechnet?

Brandenburg: Die Realität hat die Erwartungen übertroffen. Es gab zwar relativ früh die Einschätzung, dass die Arbeiten in Erlangen führend sind. Doch im Hinterkopf blieb die Frage: Überschätzen wir uns?

ZEIT CAMPUS: Wie hat die Erfindung Ihr Leben verändert? 

Brandenburg: Ich stehe seitdem in der Öffentlichkeit, bin materiell unabhängig, und natürlich hat die Erfindung auch meinen Werdegang geprägt. Ohne sie hätte ich vielleicht nie die Chance bekommen, ein neues Fraunhofer-Institut aufzubauen, oder könnte mich nicht Professor für Elektronische Medientechnik nennen.

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ZEIT CAMPUS: Was Sie getan haben, hat die Musikindustrie an den Rand des Abgrunds getrieben.

Brandenburg: Also, das ist stark übertrieben! Die Konzerne wurden vielleicht massiv beeinträchtigt. Aber es ist zu einfach, dem MP3-Format die Schuld zu geben. Vielmehr wurde eine Entwicklung beschleunigt, zu der es sonst sowieso gekommen wäre.

ZEIT CAMPUS: Hätte man die MP3-Dateien nicht vor illegaler Vervielfältigung schützen können?

Brandenburg: Ich habe die Manager in der Musikindustrie gewarnt und ihnen gesagt: Wenn ihr einen Kopierschutz wollt, dann ist eine einheitliche technische Lösung, die alle anwenden, das einzig Sinnvolle. Man hat sich jedoch bewusst dagegen entschieden.

ZEIT CAMPUS: Ist die Musikindustrie also selbst schuld?

Brandenburg: Es hätte an manchen Stellen eine intelligentere Reaktion geben können. Solche Töne habe ich übrigens auch schon aus der Branche selbst gehört. Ich fühle mich weniger als Totengräber der Musikindustrie denn als jemand, der mitgeholfen hat, neue Möglichkeiten zu schaffen.