Der Mann liebte die Pose. Wild wuchernder Bart, das Kinn keck in die Höhe gereckt, im rechten Mundwinkel steckt eine dicke Zigarre. Auf einem anderen Foto, diesmal ohne Bart, guckt der junge Ernesto Guevara de la Serna grimmig in die Linse. So als suche er Ärger.

Viele Menschen kennen nicht mehr von Ernesto Guevara als solche Bilder. Dabei stehen sie im seltsamen Kontrast zu seiner mitunter schwächlichen Konstitution. Am 14. Juni 1928 in Rosario, Argentinien, geboren, plagt den späteren Revolutionär von Kindheit an ein Handicap: Er hat schweres Asthma. Dass aus ihm ein Draufgänger wurde, mag mit einem Phänomen zu tun haben, das der Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler einst beschrieb. Demnach versucht das Individuum zeitlebens die Minderwertigkeit eines angeschlagenen Organs zu kompensieren.

Oft zwingt das Asthma den kleinen Ernesto tagelang ins Bett. Der Junge muss dann diszipliniert Diät halten. Ist die Attacke vorüber, holt er alles nach – und mehr als das. Schon in seiner Grundschulzeit ist er ein Aufschneider, trinkt Tinte und isst Kreide im Unterricht, tritt auf dem Bolzplatz ordentlich zu und lässt sich auch auf Raufereien mit den Großen ein.

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Ernesto Guevaras Eltern haben zwar bürgerliche Wurzeln, halten sich aber nicht an die Konventionen. Ches Mutter wird vor der Hochzeit schwanger. Der Vater versucht glücklos erst eine Werft zu betreiben, dann eine Farm. Das Geld ist oft knapp. 1947 zieht die Familie zur Großmutter nach Buenos Aires. Als die 90-Jährige einen Schlaganfall erleidet, sitzt der Enkel wochenlang an ihrem Krankenbett – bis sie stirbt. Eigentlich hatte er Ingenieur werden wollen, nach dem Tod der Großmutter soll es Medizin sein! Er schreibt sich an der Universität von Buenos Aires ein. Ernesto Guevara ist kein herausragender Student. Zum Lernen fehlt ihm die Zeit; lieber reist er, spielt Schach und liest Bücher von Jules Verne oder Lenin.

Unkonventionell ist auch sein Auftritt: Während die Kommilitonen in gebügelter Hose und mit Schlips zur Vorlesung erscheinen, trägt Ernesto zerschlissene Regenmäntel und Secondhand-Schuhe. Noch fällt der spätere Revolutionär nicht durch besonderes politisches Interesse auf; während seine Mitstudenten über den Spanischen Bürgerkrieg diskutierten, denkt er über neue Touren nach. Ein Jahr vor den letzten Prüfungen fasst er einen verwegenen Plan: mit einem Freund Lateinamerika erkunden, 8000 Kilometer auf einer klapprigen Norton 500. Die staubige Straße wird sein Hörsaal. Dort sieht er die elenden Lebensumstände der Minenarbeiter, der Indios und der diskriminierten Leprakranken.

Nach der Rückkehr absolviert Guevara binnen sechs Monaten die ausstehenden 14 Prüfungen, schließt sein Studium ab und tritt eine zweite große Reise an, sie politisiert ihn endgültig: In Guatemala stößt er auf radikale linke Kreise und wird zum Bewunderer der Sowjetunion. In Mexiko trifft er den Exilkubaner Fidel Castro – die beiden verstehen sich auf Anhieb.

Am 25. November 1956 brechen sie mit 80 Rebellen auf der Motorjacht Granma in Richtung Kuba auf, um den Diktator Fulgencio Batista zu stürzen. Mit eiserner Disziplin und grausamer Einschüchterung hält Guevara die Truppe zusammen. Befehlsverweigerung wird mit Scheinhinrichtung bestraft. Einmal soll Guevara selbst einen Mitstreiter wegen Disziplinlosigkeit erschossen haben. Die Verluste sind hoch, doch die Rebellen siegen. Der »Commandante Che«, wie sie ihn jetzt nennen, wird Industrieminister. Sein Programm: Solidarität mit den unterdrückten Völkern und Erziehung des neuen Menschen, der ohne ökonomische Interessen aus moralischen Motiven für die Gemeinschaft arbeitet. Lange hält es Guevara nicht im Amt, er will die Revolution in die Welt tragen. Aber sowohl im Kongo als auch in Bolivien scheitert der Commandante. Die Bevölkerung zieht nicht mit. Am 9. Oktober 1967 erschießt ein bolivianischer Unteroffizier den am Vortag Gefangenen. 

Wo wäre der Che heute? Unter den Molli-Werfern beim G-8- Gipfel? Ein disziplinloser Haufen! Oder doch eher Che als Vorhut einer Al-Qaida-Einheit in den afghanischen Bergen? Nein: zu wenig Frauen! Vielleicht würde er ja diesmal einen friedlichen Weg einschlagen – als Aktivist bei den Ärzten ohne Grenzen.

Harro Albrecht ist Arzt und Redakteur im Ressort Wissen der ZEIT. Zum jungen Che empfiehlt er: "The Motorcycle Diaries". Regie: Walter Salles, 2004, DVD, 9,99 Euro