Norbert Blüm nimmt den Möhreneintopf mit Würstchen. Früher, erzählt er, gab es in der Bonner Mensa zwei Gerichte, ein teures, ein billiges. Heute ist die Auswahl größer. Er könnte irgendein freundlicher Herr sein, wie er da an der Ausgabe steht, doch das Gefühl bleibt, ihn schon lange zu kennen. Vielleicht ist es seine Brille. Die sieht noch genau so aus wie früher im Fernsehen.

ZEIT CAMPUS: Herr Blüm, wo haben Sie eigentlich mehr für die Politik gelernt: als Student oder in Ihrer Ausbildung zum Werkzeugmacher?

Norbert Blüm: Es war beides schön. Mehr für die Politik gelernt habe ich wahrscheinlich in der Lehre.

ZEIT CAMPUS: Was denn?

Blüm: Ausdauer. Dass ein Stück erst fertig ist, wenn man Stunden über Stunden daran gefeilt hat. Wenn man sich völlig darauf konzentriert hat und auf seinem Arbeitsplatz, einer winzigen Fläche, so lange die immergleiche Bewegung gemacht hat, bis es fertig ist.

ZEIT CAMPUS: Das klingt fast unmenschlich.

Blüm: Im Gegenteil. Gelernt habe ich bei Opel gerade Menschlichkeit. Zum Beispiel vom Kolonnenführer Karl Kirch. Er war im Werkzeugbau, ein CDUler, aber von den Kollegen der SPD hoch geachtet. Ich hatte ausgelernt und war seiner Kolonne zugeteilt. Aus dieser Zeit ist mir ein Erlebnis unvergesslich. Die Nachtschicht hatte eine Ratte gefangen, sie eingesperrt und dann mit der Flamme des Schweißbrenners durch den Käfig getrieben. Das Tier machte alle artistischen Übungen, die es in Todesangst vollbringen konnte. Alle standen herum und johlten, dann kam Karl Kirch herein, ging schnellen Schritts in die Meute, haute den Gaffern mit seiner Aktentasche in die Fresse und sagte: »Schämt euch.« Mit einem Schlag hat er die ganze Grausamkeit entlarvt. Da habe ich gelernt, dass man mit Haltung etwas bewegen kann. Bei einer Abstimmung über das Schicksal des Tieres wäre es vermutlich 99 zu 1 ausgegangen.

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ZEIT CAMPUS: Warum wollten Sie nach der Lehre noch studieren?

Blüm: Ich wollte die Welt hinter Fließbändern und Lohntüten kennenlernen. Vierzig Jahre lang fremdbestimmt arbeiten zu müssen war keine verlockende Vorstellung. Bevor ich aufs Abendgymnasium gegangen bin, habe ich mir noch mal Sonderurlaub genommen und bin durch den Orient getrampt.

ZEIT CAMPUS: Sie haben in der Türkei bei einem Schmied gearbeitet und hier auf dem Bau.

Blüm: Ich musste Geld verdienen, um mir die Abendschule zu finanzieren. Was mich auch dabei beeindruckt hat, war die Ehre der Arbeit. Zum Beispiel im Weinkeller der Köln-Düsseldorfer Rheinschiffahrt, die Ausflugsschiffe betreibt. Der Kellermeister bekam pünktlich jeden Morgen einen Wutanfall. Der Grund war, dass abends von Gästen immer Flaschen zurückgegeben wurden, weil angeblich Kork drin sei. Das hat den Meister ins Mark getroffen. Normalerweise war er ein Tröpfchenjäger: Wenn beim Umfüllen etwas danebenging, war das, als wäre ein Staudamm gebrochen. Bei diesen Flaschen aber war er ungeheuer großzügig, denn es ging um seine Ehre. Er brüllte: »Da ist kein Korken drin!« Wir haben den Wein dann beim Frühstück getrunken. Nicht alle Flaschen, aber einige.