Lange hat Inga Humpe es nicht in Aachen ausgehalten. Rheinische Provinz, überall Ingenieure, mittendrin sie mit Vergleichender Literaturwissenschaft, das war nichts. Jetzt betritt sie zum ersten Mal seit 36 Jahren die Mensa und schaut sich um: »Immer noch nur Männer.« Aber diesmal ist sie vorbereitet, kramt in ihrer Tasche und holt einen falschen Schnurrbart hervor. Zu essen gibt es Grünkohl.

ZEIT CAMPUS:  Frau Humpe, in Aachen haben Sie ein Jahr studiert. Dann sind Sie nach Berlin gezogen, um sich der RAF anzuschließen. Froh, dass es nicht geklappt hat?

Inga Humpe: Oh ja, oh ja! Ich hatte von einer Kneipe in Kreuzberg gehört, in der man Leute von der RAF treffen konnte, aber ich habe dort niemanden gefunden. Das war mein Glück.

ZEIT CAMPUS: Man muss viel Wut im Bauch haben, um Terroristin werden zu wollen. Lag das an der Uni oder an einer schweren Kindheit?

Humpe: Ach, die Kindheit war eigentlich ganz entspannt. Meine Eltern hatten eine Konditorei in Herdecke an der Ruhr. Ich bin ernährungstechnisch nur mit Süßigkeiten aufgewachsen. Sehr geborgen, sehr jahreszeitbezogen, weil mein Vater zu jeder Saison unterschiedliches Gebäck fabrizierte. Die Pubertät und spätere Jugend waren dann eher verwirrende Jahre.

ZEIT CAMPUS: Die Erfahrung einer Jugend in der Provinz teilen Sie mit vielen Musikern. Was bringt man von dort mit?

Humpe: Wenn man in einer Kleinstadt aufwächst, stauen sich unglaublich viele Wünsche und Ideen an. Es gibt ja nicht viel Ablenkung. Aus diesem Nicht-gefordert-Sein entstehen dann umwälzlerische Ideen. Diese Uneinigkeit mit der Umgebung habe ich kaum ausgehalten.

ZEIT CAMPUS: Dann denkt man entweder »Mit mir stimmt was nicht« oder »Mit den anderen stimmt was nicht«. Wie war's bei Ihnen?

Humpe: Ich habe zum Glück immer gedacht, dass das Umfeld schlimm ist. (lacht) Aber trotzdem habe ich unter der Oberfläche ganz stark an mir gezweifelt. Es gab Mitschülerinnen, die überhaupt keine Probleme hatten und Lehrerin werden wollten an unserer alten Schule. Meine spätpubertäre Verzweiflung mündete schließlich in große Aggression.

ZEIT CAMPUS: Hatte sich das Land nach 1968 nicht schon verändert?

Humpe: In der Provinz dauert das länger. Die Reste von Nazideutschland waren noch präsent. Die Schüsse auf Rudi Dutschke waren für mich ein Schock. Wir hatten unseren ersten Fernseher ganz frisch, und diese Bilder kamen eins zu eins in meine Stadt, in mein Elternhaus. Ich weiß noch, wie empört ich war. Ich habe geweint, wir haben schlimm gestritten zu Hause. Mein Vater sah in Dutschke einen Agenten der DDR, der den Westen und die Demokratie unterhöhlen wollte.

ZEIT CAMPUS: Hofften Sie, an der Uni noch etwas von der Studentenbewegung vorzufinden?

Humpe: Schon. Aber in Aachen gab es damals gerade mal zwei Wohngemeinschaften, es war nicht viel los an der Uni. Das, was ich mir an politischer Arbeit vorgestellt hatte, war schon vorbei, das war eine Enttäuschung.

 

ZEIT CAMPUS: Was macht eine verhinderte Terroristin denn Ende der Siebziger in Berlin?

Humpe: Ich wollte Bühnenbild studieren, bekam aber keinen Studienplatz. Also bin ich auf Reisen gegangen: drei Monate durch die USA. In San Francisco und New York brach der Punk aus, und als ich nach Berlin zurückkam, habe ich gleich selbst eine Band gegründet.

ZEIT CAMPUS: Sie sind mit den Neonbabies als Punk gestartet. Heute, mit 55 Jahren, singen Sie bei 2raumwohnung über Liebe und Nähe. Wo ist der Zorn geblieben?

Humpe: Am Punk hat mich am meisten die Idee fasziniert, dass aus Zerstörung etwas Neues entsteht. Diese ungebändigte Aggression, dass man nicht wusste, ob das noch fröhlich ist oder schon gewalttätig. Das waren ja Gefühle, die Mädchen eigentlich nicht haben durften.

ZEIT CAMPUS: War das eine Befreiungsbewegung?

Humpe: Ja, aber gleichzeitig ist Aggression auch ein unglaubliches Gefängnis. Ich habe mit meinen ganzen Punkfreunden gar nicht geredet; es ging wirklich nur um Abgrenzung, und ich fand eigentlich alle blöd, auch die anderen Punks. Aber hinter jeder Aggression steckt in Wahrheit doch eine Angst.

ZEIT CAMPUS: Wovor hatten Sie Angst?

Humpe: Ich hatte große Angst vor Verletzungen, nicht gut zu sein oder abgelehnt zu werden. Diese Vertrauenslosigkeit und dieses Abgestumpftsein halte ich im Nachhinein für eine Art von Vorhölle.

ZEIT CAMPUS: Als Sängerin von DÖF hatten Sie mit »Codo« einen der großen Hits der Neuen Deutschen Welle. War das die Wende?

Humpe: Die achtziger Jahre waren deprimierend, eng und schwierig. Mit dem Erfolg kamen das Geld und der Druck. Die Freude stand nicht mehr an erster Stelle. Ich ging dann nach England, um dort mit vielen unterschiedlichen Musikern zu arbeiten...

ZEIT CAMPUS: ...und als die Mauer fiel, saßen Sie einen Tag später im Flieger nach Berlin. Dort brach kurz darauf die Techno-Ära an.

Humpe: Musikalisch haben mich die Neunziger auf ewig geprägt. In dieser Zeit haben wir uns selbst gefeiert und die Musik. Ich war ein absoluter Partygänger. Nach Punk war das für mich die energetischste Zeit. Techno war eine neue Hippie-Bewegung: Da tanzte der Zahnarzt neben dem Maurer die ganze Nacht durch, und diese Musik war der Soundtrack zum Weltfrieden.

ZEIT CAMPUS: Grenzüberschreitung mit freundlicher Unterstützung von Ecstasy...

Humpe: Sowohl die Hippies als auch die Techno-Fans haben sich synthetischer Hilfsmittel bedient, um Grenzen zu überschreiten. Drogen sind ein Mittel, aus dem Gefängnis von Verstand und Erziehung auszubrechen. Wenn man einmal erlebt hat, dass man da rauskann, lohnt es sich, das auch ohne Drogen zu trainieren.

ZEIT CAMPUS: Bringen Drogen auch Inspiration?

Humpe: Inspirationen sind immer da. Man muss nur mal ruhig sein.

ZEIT CAMPUS: Sie haben mal gesagt, man müsste an Unis Kurse für Selbstbewusstsein anbieten.

Humpe: Selbstbewusstsein wird oft missverstanden als Selbstbehauptung. Nach dem Motto: Ich kann mich durchsetzen, ich habe Führungsqualitäten. Das meine ich nicht. Sondern ein Bewusstsein, eine Aufmerksamkeit für die persönlichen Eigenarten zu entwickeln, sie als Teil von sich wahrzunehmen und zuzulassen.

ZEIT CAMPUS: Das klingt jetzt ein bisschen esoterisch.

Humpe: Ich bin nicht so ein Psycho-Fan. Aber dass im Studium nur der Verstand hochgehalten wird, halte ich für fragwürdig. Ich glaube, dass man sein Selbstbewusstsein auch über den Köper finden muss und über Bewegung.

ZEIT CAMPUS: Woher haben Sie Ihr Selbstbewusstsein?

Humpe: Ich höre nicht auf zu lernen. Das Erleben der eigenen Kräfte und Ideen hat ja eher was mit Alter und Erfahrung zu tun als mit Jugend.

ZEIT CAMPUS: Im Punk war das ganz einfach, da gab es nur ein Gesetz: »Tu es einfach!«

Humpe: Ich finde es nach wie vor reizend, wenn die Jugend behauptet, ihre eigene Ungemütlichkeit und ihren eigenen Schrecken gut zu finden. Ich beobachte aber auch eine neue Abgestumpftheit: immer siegen wollen, nicht angreifbar sein, nichts an sich ranlassen. Viele junge Musiker haben große Angst vor Nähe. Das zu überwinden und auch mal eine Ablehnung auszuhalten, finde ich wichtig.

ZEIT CAMPUS: Die Lieder von 2raumwohnung sind voller sexueller Anspielungen. Eine Frage nach Ihrer Religion, dem Buddhismus, haben Sie aber mal als zu privat abgelehnt. Ist es leichter, über Sex zu sprechen, als über den eigenen Glauben?

Humpe: Ich habe ein spirituelles Leben. Aber ich mag nicht als kleiner buddhistischer Hippie dargestellt werden, der alles toll findet. Ich habe eine Weile ziemlich viel über Sex gesprochen, weil ich es verlogen fand, dass in Deutschland darüber nur auf der Ebene von quietschenden Objekten geredet wurde. In meinem Alter über Sex zu reden ist ja fast ein Tabubruch.

ZEIT CAMPUS: Ist Liebe die neue Wut?

Humpe: Zumindest hat sie ähnlich viel Kraft. Aber die Liebe macht mehr Spaß.