Die Schätzübung

»Wie viele Baguettes werden in Frankreich täglich gegessen?« Solche verrückten Fragen werden in Assessment-Centern gern gestellt, wenn die Zeit nicht zur Besprechung einer Fallstudie reicht. Aber jetzt nicht das Große Lexikon der Kuriositäten auswendig lernen. »Bei der Aufgabe geht es nicht darum, die exakte Zahl zu benennen«, sagt Personalcoach Doris Brenner. »Vielmehr wollen die Prüfer sehen, auf welchen Annahmen Ihr Schätzwert basiert und wie Sie an die Fragestellung herangehen.« Denken Sie laut: Wie viele Franzosen gibt es? Zu welchen Gelegenheiten verzehren sie das Stangenbrot? Und wie viel davon ordern Restaurants täglich? Mit einer solchen Herleitung beweisen Sie, dass Sie analytisch denken und mit groben Zahlen jonglieren können – und dass man Sie nicht leicht aus dem Konzept bringt.

Die Postkorbübung

Der Chef hat ein Meeting anberaumt, die Freundin fragt nach einer gemeinsamen Mittagspause, und der Pförtner lädt zum Sektempfang. Alles soll um 14 Uhr stattfinden. Bei dieser Übung verwaltet der Teilnehmer den Mail-Account einer fiktiven Person, die auf der ausgeschriebenen Stelle arbeitet. Doris Brenner: »Es kommt darauf an, schnell zu entscheiden, was Priorität hat, was delegiert werden kann und was sich verschieben lässt.« Meistens sind Fiesheiten eingebaut, die eine pragmatische Planung erschweren. Entscheidend ist nicht, dass man alles unter einen Hut bekommt; sondern dass man souveräne Entscheidungen trifft und dazu selbstbewusst steht, wenn man sie rechtfertigen soll.

Die Konstruktionsübung

»Sie sind mit drei Unbekannten auf einer Insel gestrandet und haben zur Rettung einen Bleistift, einen Luftballon, Klebeband und ein Teelicht. Was machen Sie daraus?« Hier kommt es weniger darauf an, sich als outdoorerfahrener Erfinder hervorzutun, sondern das Team als Koordinationstalent, Ideengeber oder Motivator zu bereichern. »Die Assessoren wollen einen Eindruck davon bekommen, welche Rolle Sie einnehmen und ob die Gruppe in der Lage ist, die Übung ergebnisorientiert zu lösen«, sagt Doris Brenner. Für eine kreative Idee gibt’s ein Extrasternchen.

Das Rollenspiel

Der Kunde macht eine Szene, weil er sich schlecht beraten fühlt. Die Motivation eines Mitarbeiters ist gesunken. Beide Fälle eignen sich für ein Rollenspiel zwischen einem schauspielernden Assessor und dem Kandidaten. Was sich nach Laientheater anhört, spielt sich im Joballtag oft ganz ähnlich ab. »Viele Uni-Absolventen denken, sie müssten im Gespräch knallhart durchgreifen, weil sie zum ersten Mal Führungsverantwortung tragen – obwohl sie das vielleicht gar nicht leiden können«, sagt Doris Brenner. Die Beobachter wollen Sie lieber authentisch erleben und sehen, wie Sie mit Diplomatie und Durchsetzungsvermögen zu einer guten Lösung kommen.