Wer etwas erfindet, was alle wollen, hat ausgesorgt. Klingt nach einer schlichten Bauernweisheit, und doch ist die Sache manchmal komplizierter. Der MP3-Player etwa wurde an einem Fraunhofer-Institut erfunden, dann aber von einem koreanischen und einem amerikanischen Unternehmen auf den Markt gebracht. Die Fraunhofer-Gesellschaft verdiente zwar viele Millionen Euro an Lizenzeinnahmen – dieser Betrag ist aber nur ein Bruchteil des Riesengeschäfts, das andere mit der Erfindung machen. Damit sich die Geschichte des MP3-Players nicht wiederholt, wollen deutsche Forscher in Zukunft einiges anders machen. Die Universitäten bemühen sich, Forschungsergebnisse selbst in Geschäftsmodelle umzusetzen, um mehr von ihren eigenen Ideen zu profitieren. Viele haben Institute eingerichtet, die Forschern helfen sollen, Ideen zu Geld zu machen. Der Staat unterstützt solche Initiativen finanziell.

Manche finden das falsch. Vor allem Geisteswissenschaftler kritisieren die Ökonomisierung der Hochschulen und fordern eine klare Trennung von Forschung und Wirtschaft. Die Erfinder selbst dagegen haben meist kein Problem damit, ihre Forschungsergebnisse zu Geld zu machen.

Lars Hoffmann und seine ehemaligen Studienkollegen haben einen Weg gefunden, wie man Windkraft besser nutzen kann. »Mit unseren Glasfasersensoren lässt sich messen, wie der Wind die Rotorblätter von Windkraftanlagen belastet«, erklärt Hoffmann. Mit der neuen Messtechnik lässt sich jedes Rotorblatt einzeln optimal zum Wind ausrichten. So könnten Windräder bald mehr Energie erzeugen und sich gleichzeitig weniger abnutzen.

Die Erfindung überzeugte das Zentrum für Innovation und Gründung an der TU München , es will den Nachwuchsforschern helfen, ihr Produkt auf den Markt bringen. Hoffmann hat an der TU München studiert und promoviert, dann arbeitete er zwei Jahre lang bei einer Unternehmensberatung. Seit dem vergangenen Herbst ist er wieder an der TU München angestellt und baut mit seinen Kollegen das Unternehmen Fos4x auf, das die neue Technik an die Betreiber von Windkraftanlagen verkaufen will.

Das Gründerzentrum unterstützte die Forscher dabei, ihr Geschäftsmodell zu verbessern, Businesspläne zu schreiben und einen Antrag für Exist zu stellen – ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie . Mit diesem Geld finanzieren sich die Jungunternehmer im Moment. Die TU München begleitet sie bei der Gründung ihrer Firma: Sie berät die Mitglieder von Fos4x und lässt sie Labore und Räume der Universität nutzen. Ohne diese Hilfe könnten die Forscher ihre Erfindung kaum fertig entwickeln und auf den Markt bringen.

»Die TU legt hier vor, das ist klar«, sagt Hoffmann. Dafür verlangt sie eine Gegenleistung: Was die Mitarbeiter erforschen, ist geistiges Eigentum der Universität, sie hält auch die Patente an der Windkraft-Erfindung. Sobald Hoffmann und seine Kollegen damit Geld verdienen, müssen sie einen Teil ihres Gewinns an die TU München abtreten – so haben sie es zumindest für das erste Patent ausgehandelt. Irgendwann, hoffen sie, werden sie der TU die Patente abkaufen. In jedem Fall verdient die Universität an den Forschungsergebnissen.

Einige Hochschulen wollen sich sogar an solchen Spin-offs – Unternehmen, in denen Studenten, Doktoranden oder Forscher ihre Ergebnisse vermarkten – beteiligen. Hier verschwimmt die Grenze zwischen Wissenschaft und Wirtschaft endgültig. Die Universität Potsdam zum Beispiel, die es in einem Ranking zur Gründungsförderung auf den ersten Platz geschafft hat, plant gerade eine solche Beteiligung. Das bedeutet fürs Erste: Geld geben. Die Hochschule schießt einen fünfstelligen Betrag in die Gründung einer Firma – und hofft darauf, mit dieser Investition in ein paar Jahren ein Vielfaches an Geld zu verdienen.

Eine so starke Verflechtung von Wissenschaft und Wirtschaft geht Skeptikern zu weit. »Manche befürchten, dass sich der Fokus der Forschung verschiebt – Wissenschaftler und Politiker könnten sich auf Bereiche konzentrieren, in denen sich kurzfristig das beste Geschäft machen lässt, und dadurch andere vernachlässigen, die vor allem langfristig einen höheren Erkenntnisgewinn versprechen«, sagt Stefan Heumann, Wirtschaftsgeograf an der Universität München. Er erstellt mit Kollegen das Ranking, in dem alle zwei Jahre die Hochschulen mit der besten Gründungsförderung aufgelistet werden. Ein weiteres Argument gegen die unternehmerischen Ambitionen von Hochschulen: Eigentlich gehört es zu den Aufgaben der Universitäten, der Gesellschaft Wissen zur Verfügung zu stellen. »Indem die Hochschulen aber verstärkt Forschungsergebnisse patentieren lassen, wird der Gesellschaft Wissen entzogen«, sagt Heumann.

Führen all die Bemühungen der Hochschulen und des Staates am Ende dazu, dass der nächste MP3-Player in Deutschland produziert wird? »Ich bin zuversichtlich«, sagt Stefan Heumann. Die Fraunhofer-Gesellschaft rechtfertigt die Panne mit dem MP3-Player unter anderem damit, dass es keine Investoren gegeben habe. Heumann lässt dieses Argument nicht gelten. »Wenn die Erfindung gut ist, findet man Geld«, sagt er. Entscheidend ist für ihn ein anderer Aspekt: »In Deutschland entsteht eine neue Kultur des Unternehmertums – ein Gefühl dafür, dass wir etwas machen müssen aus Erfindungen.« Trotz aller Kritik.