Wer immer schaut, was andere besser machen, wird irgendwann verrückt. Wie man dem Konkurrenzdruck entkommt

Dass Kommilitonen manchmal zum Fürchten sind, das hat Theresia Oberhaus, 23, das letzte Mal in einem Berliner Bus gespürt. Es ist ein entspannter Morgen im schönsten Frühjahr, als sie friedlich am Fensterplatz sitzt und durch die Scheiben ihre Kommilitonin Lara* an der Haltestelle stehen sieht. Theresia flüstert ein leises "O Gott", steht ruckartig auf, setzt sich mit dem Rücken zur Tür und beugt sich tief über den Roman, der aufgeschlagen in ihrem Schoß liegt – als von hinten jemand durch die Menschenmenge ruft: "Hey, Theresia! Mensch! Du in Berlin?"

Ein Zusammentreffen mit Lara ist wirklich nicht das, was Theresia an diesem Morgen gebrauchen kann. Jetzt geht es los, die Fragen nach dem Studium, das Reden über Noten, das Lästern über Kommilitonen. Und das um acht Uhr morgens. Theresia will nicht wissen, welche Bekannte zwei Jobangebote von Unternehmensberatungen hat. Sie will auch nicht über ihre Abschlussnote reden oder die Verlaufsplanung ihres weiteren Werdegangs in Stichworten referieren. Sie will, bitte schön, einfach im Bus sitzen und ihr Buch lesen. Lara stellt mit Begeisterung in den Augen die unheilvollste aller Fragen: "Und? Was machst du so momentan?"

Also erzählt Theresia alles, vom Praktikum beim Mischkonzern Unilever, von ihrer freien Mitarbeit im Anschluss, von ihren Plänen für das Masterstudium im Herbst. Und Lara erzählt auch alles, weil Theresia sie im Gegenzug danach fragt, aus Höflichkeit. Und jeder Passant hätte an diesem Morgen in Berlin zwei jungen Frauen zuhören können, die sich gegenseitig mit dem Inhalt ihrer Lebensläufe bombardierten wie Bewerber in einem Vorstellungsgespräch: meine Note, mein Praktikum, meine Zufriedenheit. Und deine?

Man kennt die Floskeln, mit denen solche Gespräche geführt werden, sie sind ein Code unter Studenten, eine Art Geheimsprache, die jeder Eingeweihte auf Anhieb versteht. "Und, was macht bei dir so das Studium?" ist so eine Floskel. Oder, nach einem Vorstellungsgespräch: "Na? Wie liefs bei dir?" Oder, für die ganz Subtilen: "Ach, du hast ja sowieso immer eine Eins!" Womit sie die folgende Antwort provozieren wollen: "Aber bei dir läuft es doch auch super!" Solche Unterhaltungen sind nichts Bösartiges, sie haben nicht immer etwas mit Neid zu tun oder mit Angeberei. Sie sind die Aufforderung für einen Tauschhandel: Sag mir, was du hast, dann sage ich dir, was ich habe, und wir bekommen beide eine Antwort auf unsere eigentliche Frage: "Wie gut bin ich wirklich?"