Vielleicht hätte die Medizinstudentin Ina Kaspar das Physikum auch ohne einen privaten Vorbereitungskurs bestanden. Aber die Atmosphäre an ihrer Universität machte sie unsicher. »Manche meiner Kommilitonen tun so, als wüssten sie alles. Da traue ich mich nicht mehr, Fragen zu stellen.« Die Unsicherheit war so groß, dass Kaspar lieber viel Geld für ein Vorbereitungscamp der Firma Medi-Learn bezahlte. 35 Tage Unterricht und Prüfungstraining kosten dort zwischen 1.500 und 2.400 Euro plus 400 bis 800 Euro für die Übernachtung. »Natürlich ist das teuer. Aber es war gut investiertes Geld«, sagt Kaspar. Als in der Woche vor den Prüfungen die Nerven blank lagen, beruhigte sie ein Psychologe der Firma am Telefon. Sogar spätabends noch.

Offenbar ist Kaspar nicht die einzige Studentin in Deutschland, die mehr Unterstützung beim Lernen braucht, als die Uni sie bietet. Denn der Markt für Privatunterricht boomt , und eine regelrechte Zuliefererindustrie verdient mittlerweile viel Geld mit den Bedürfnisse der Studenten und den Schwachstellen der Universitäten. Überall, an den Schwarzen Brettern der Hochschulen, im Internet und auf Flyern in der Mensa werben Firmen mit Sprachkursen und Repetitorien. Mehrere Tausend Euro zahlen Studenten für manche dieser Kurse, und das nicht immer freiwillig. Für Auslandssemester werden oft Sprachzertifikate verlangt, die Geld kosten, in anderen Studiengängen ist der Unterricht so schlecht, dass die Studenten glauben, ohne Repetitorium keine Chance zu haben.

Ein Studium in Deutschland sei günstig, heißt es oft. Schließlich bezahlen etwa Amerikaner, im Gegensatz zu Deutschen, nicht selten Studiengebühren in fünfstelliger Höhe für ein Bachelorstudium. Die verdeckten Kosten aber, die deutsche Studenten mehr oder weniger freiwillig jedes Semester für private Unterrichtsstunden, Sprachtests und Repetitorien bezahlen, werden bei dieser Rechnung oft vergessen. Und sie können gewaltig sein. Genauso wie die Angst, die Privatunternehmen in ihren Werbebroschüren verbreiten, um die verunsicherten Studenten als zahlungskräftige Kunden zu gewinnen.

Manche fangen schon als Schüler mit dem Bezahlen an. Private Institute bieten Tests und Beratungsgespräche an, die angeblich helfen, den passenden Studiengang zu finden– für 100 bis 200 Euro. Andere lassen sich im Studium von Psychologen beraten, um ihre Effizienz zu steigern – für 30 Euro pro Stunde. Besonders Jurastudenten buchen vor dem Staatsexamen gerne Repetitorien, um den Stoff ihres Studiums zu wiederholen– für rund 1.800 Euro. So geht es immer weiter, Euro für Euro. Und weil kein Statistikinstitut diesen Bildungsmarkt untersucht, kann man nur ahnen, wie viel Studenten am Ende wirklich für ihr Studium bezahlen.

»Das ist eine Situation, mit der wir uns nicht abfinden dürfen«, sagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Zwar hätten manche Hochschulen bereits kostenlose Alternativen zu den privaten Repetitorien geschaffen, für andere gelte das jedoch nicht, so Wintermantel. Wahrscheinlich tragen am Ende alle ein bisschen Schuld an der Existenz der teuren Privatkurse: die Universitäten, die sich inzwischen schon auf die Arbeit der Privatanbieter verlassen und sich keine Mühe geben, Studium und Prüfungen gut genug aufeinander abzustimmen . Die Studenten, die auf bessere Noten hoffen, bequem sind oder nicht das Selbstvertrauen haben, Prüfungen ohne vorherigen Unterricht bei den Privatanbietern zu wagen. Und die Zulieferer selbst, die sich ihren Markt schaffen, indem sie den Studenten einreden, man habe ohne ihr Angebot kaum eine Chance.