Feridun Zaimoglu hat seine Studentenzeit gehasst. Deshalb läuft er mit einer gewissen Zurückhaltung über den Campus von Kiel . Hier hat er das Medizinstudium abgebrochen und wurde danach zweimal von der Kunstakademie geworfen. Fünf Minuten streitet er mit dem Mensakoch, bis er Salat, Oliven und Fetakäse in zwei verschiedenen Schälchen bekommt. »Sie verstehen nicht! Ich will den Salat in einer Schale und Käse und Oliven in der anderen, das ist doch nicht so schwer!« Spätestens jetzt wissen alle in Kiel: Zaimoglu, der alte Querulant, ist wieder da. Gut gelaunt setzt er sich an einen freien Tisch.

ZEIT CAMPUS: Herr Zaimoglu, was essen Sie da?

Feridun Zaimoglu: Das sind Schafskäsewürfel mit Oliven. Handgeschöpft. Haben Sie gesehen, wie der Koch mit bloßen Händen in das Olivenglas gegriffen hat? Ich kommentiere das nicht!

ZEIT CAMPUS: Ihr Lieblingsessen hier?

Zaimoglu: Gefängniskost ist das! Aber als ich 1984 mit Medizin anfing, war ich ehrgeiziger beziehungsweise doofer als heute. Da war es mir wichtig, schweres Essen zu vermeiden, weil ich sonst für zwei Stunden nicht denken konnte. Jeden Mittag habe ich hier gegessen, seitdem hat sich nichts verändert. Das Gebäude hat wirklich überhaupt keinen Reiz.

ZEIT CAMPUS: Was war das für ein Student, der junge Zaimoglu? Wie sah der aus?

Zaimoglu: Die ersten Semester hatte ich einen Burschenschafter-Haarschnitt. Die Schläfen fast ausrasiert. Ich war ein blöder Abiturient, der glaubte, in der Studentenzeit würde die Sonne aufgehen. Lange aufbleiben. Vielleicht eine Beziehung. Ich studierte etwas, was ich nicht studieren wollte, aus Gehorsam gegenüber meinen Eltern, nämlich Medizin.

ZEIT CAMPUS: Ihre Eltern kamen aus der Türkei ...

Zaimoglu: Ja, sie kamen nach Deutschland, um zu arbeiten. Meine Mutter war Putzfrau, mein Vater Metallarbeiter. Sie haben gesagt: Willst du den Rücken krumm machen, Böden schrubben oder in der Montagehalle fast verrecken, wie wir? Du sollst es einmal besser haben. Meine Mutter hatte den Traum, dass ich Arzt werde.

ZEIT CAMPUS: Dafür brauchten Sie ein gutes Abitur.

Zaimoglu: Ja, in der elften Klasse hatte ich noch drei Fünfen im Zwischenzeugnis. Das Abitur habe ich aber mit 1,0 gemacht, als Jahrgangsbester. Diese Note war meine eigene Blödheit, meiner Mutter zuliebe.

ZEIT CAMPUS: Da waren Sie noch der Muttersohn?

Zaimoglu: Aber so was von! Nach zwei Semestern an der Uni ging es dann aber los.

ZEIT CAMPUS: Womit?

Zaimoglu: Nur noch schwarze Kleidung. Ich trug einen alten SS-Mantel aus Leder vom Flohmarkt. Der war günstig. Und lange Haare, etwa bis zur Hüfte. Und dicke Ringe an den Fingern. Ich war Anarchist.

ZEIT CAMPUS: Ging das gegen Ihre Eltern?

Zaimoglu: Nein, wieso? Die waren ja in München , ich war alleine hier. Eher war das die erste Allergiereaktion gegen das Studentenmilieu. Das waren für mich alles Idioten. Ich fühle mich hier einfach nicht wohl. Das ist bis heute so.