Als er die Bilder aus Libyen sieht, sitzt Omar al-Bariki in Berlin an seinem Schreibtisch. Rauchwolken flimmern über seinen riesigen Flachbildschirm, auf dem er sonst Spielfilme guckt. Es ist der 25. Juli 2011, Libyen wird von Kampfjets bombardiert . Omar kann sich kaum auf seine Bücher konzentrieren. Irgendwo in dem Rauch und den Explosionen ist seine Familie. Omar wählt die Nummer seines Vaters.

"Hallo, mein Sohn", sagt der pensionierte Vier-Sterne-General der libyschen Armee. Seine Stimme klingt stockend. "Ich muss dir etwas sagen." Er macht eine Pause. "Dein Bruder Abdullah ist tot. – Soldaten haben ihn erschossen."

Omar legt auf, die Tränen laufen ihm über die Wangen. Vor Trauer, aber auch vor Zorn. "Ich hatte auf einmal diese Riesenwut", sagt Omar, als er von dem Tag erzählt. Er ruft Ahmed in Libyen an, einen seiner fünf Brüder, das Gespräch ist kurz. Ahmed sagt: "Du willst kämpfen? Bleib in Deutschland! Wie willst du denn kämpfen? Sie brauchen keine Leute mehr!" – "Halt den Mund!", schreit Omar ins Telefon. "Halt den Mund, Ahmed! Ich fliege!"

Omar al-Bariki trägt einen dünnen Kinnbart und Röhrenjeans, er liest gerne Kafka, und wenn er Deutscher wäre, würde er die Grünen wählen, sagt er. Am Wochenende geht er ins Berghain , den Elektroclub, kifft mit Kumpels und knutscht mit Mädchen. Wir treffen Omar an der TU Berlin . Seit vier Jahren studiert er hier Energie- und Prozesstechnik. Wir haben in der Zeitung gelesen, dass er in Libyen gekämpft hat , und wollen wissen, wie es wirklich war. Was er erlebt hat. Und wie es ihm jetzt, da er wieder zurück in Deutschland ist, damit geht.

Es ist ein langer Weg von der Kastanienallee in Prenzlauer Berg bis nach Tripolis . Libyen ist 4.000 Kilometer entfernt, die Nato hat eine Flugverbotszone eingerichtet , es gibt keine Verbindungen in das Land. Omar bucht einen Flug nach Djerba in Tunesien , ohne Rückflugticket. Mit einem Kugelschreiber kritzelt er sein Testament, notiert den Namen und die Telefonnummer seines Bruders Mohammed in Kanada und die Namen der Kommilitonen, denen er noch Geld schuldet. An seine Eltern schreibt er: "Es tut mir leid. Ich habe euch nicht Bescheid gesagt. Ich werde kämpfen. Wenn ich sterbe, sehen wir uns im Himmel wieder."

Seinem Mitbewohner gibt Omar seine Bankkarte, seiner damaligen Freundin in Würzburg hinterlässt er nichts. Sie weint am Telefon, bittet ihn, in Deutschland zu bleiben. "Ich kann nicht", antwortet Omar und legt auf. Er packt seinen kleinen bunten Rollkoffer: ein paar Klamotten, seine Chucks, Henning Mankells Die weiße Löwin, ein Bild seines toten Bruders. Auch zwei Bücher aus dem Studium nimmt er mit, Strömungslehre und Mechanik. Vielleicht bleibt Zeit, nebenbei zu lernen, denkt Omar. Eigentlich hat er einmal vorgehabt, eine Solarzellenfirma in Libyen aufzubauen, wenn er nach dem Studium in seine Heimat zurückkehrt. Jetzt kommt er, um im Bürgerkrieg zu kämpfen.

Am 5. August landet Omar auf Djerba, einer Palmeninsel im Mittelmeer . Die Touristen, mit denen er an der Busstation wartet, fahren in ihre Resorts in Strandnähe. Omar kauft zwei Fahrkarten für den Bus nach Tataouine, er will alleine sitzen, mit niemandem reden. Die letzten 100 Kilometer zur libyschen Grenze fährt er mit dem Taxi, bewaffnete Kämpfer der Revolutionsbewegung bewachen den Übergang. "Ich will kämpfen, wo soll ich hingehen?", fragt Omar. "In Tripolis brauchen sie noch Kämpfer", sagt man ihm, "aber geh erst nach Nalut." Dort, in den Nafusa-Bergen, liegt eine Kaserne der Rebellen. Omar macht sich in einem Omnibus auf den Weg.