Früher hat Miriam Meckel angeblich Journalisten im Kapuzenpulli in ihrem Büro empfangen. Jetzt öffnet sie im Hosenanzug die Tür zu einem kahlen Besprechungsraum. Miriam Meckel ist mehr als eine Wissenschaftlerin: Vor zwölf Jahren hat sie sich als jüngste Professorin Deutschlands einen Namen gemacht, danach war sie Staatsministerin in Nordrhein-Westfalen. Jetzt leitet sie das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen . Sie sieht sich selbst als »public intellectual«. Meckel lächelt freundlich. Sie wirkt genauso kontrolliert wie ihr Facebook-Auftritt .

ZEIT Campus: Frau Meckel, Sie erforschen unseren Umgang mit neuen Medien. Werden Sie die neue Facebook-Timeline nutzen?

Miriam Meckel: Ich nutze das Netzwerk regelmäßig, um mich zu informieren. Zu meinen Facebook-Freunden zählen viele Forscher und Experten, die sehr interessante Dinge posten, die ich auch für meine Vorlesungen verwende. Aber mein ganzes Leben von der Geburt an, wie das die Timeline vorsieht, werde ich sicher nicht ins Netz stellen!

ZEIT Campus: Warum nicht?

Meckel: Abgesehen davon, dass Facebook keinen guten Ruf hat , was den Schutz der Privatsphäre angeht, finde ich Mark Zuckerbergs Vorstellung von Identität problematisch. »Having more than one identity is a lack of integrity« , sagt er. Da kann ich nur sagen, hallo, was soll das denn? Integrität heißt für mich nicht, lediglich eine Identität zu haben, sondern mit den verschiedenen Identitäten, die man als Mensch hat, umgehen zu können.

ZEIT Campus: Sie würden sagen, wir haben eine digitale und eine reale Identität?

Meckel: Ich würde sogar weiter gehen und behaupten, dass wir noch viel mehr Identitäten haben. Wenn ich hier an der Uni eine Vorlesung halte, lebe ich einen anderen Teil meiner Identität, als wenn ich den Sonntagabend mit Freunden und viel Rotwein verbringe. Als wirtschaftliche Beraterin aktiviere ich wiederum andere Teile. Am integrativsten bin ich, als wenn ich als Autorin ein Buch schreibe.

ZEIT Campus: Diese Identitäten können sich aber auch vermischen. Gerade auf Facebook hat man ja sogenannte Freunde aus den unterschiedlichsten Bereichen.

Meckel: Natürlich. Aber darüber möchte ich die Kontrolle behalten. Ich möchte nicht, dass Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe, alles über meine private Identität wissen. Und da es mir zu mühsam ist, Listen zu verwalten, bin ich auf Facebook eine mehr oder minder professionelle Oberfläche.

ZEIT Campus: Das stört Ihre echten Freunde nicht?

Meckel: Nein. Diejenigen, die online mit mir interagieren, wissen, dass sie auf meiner Seite spannende Informationen finden können, aber mehr eben auch nicht.