Wenn jemand weint, wissen wir normalerweise intuitiv, wie wir ihn trösten können. Aber wenn die Tränen im Büro fließen, werden viele auf einmal unsicher – und würden am liebsten rausgehen und der Situation entfliehen. Dahinter verbirgt sich ein einfacher Grund: Der emotionale zwischenmenschliche Kompass, der uns im Privaten leitet, funktioniert im Arbeitsleben nicht.

Privat und im Beruf gewinnen wir einen großen Teil unserer Sicherheit dadurch, dass wir Rollenmustern folgen, die zu bestimmten Situationen passen. Eine nächtliche Begegnung mit einem unbekannten großen Kerl löst Stress aus. Begegnen wir dem unbekannten großen Kerl mittags auf dem Büroflur, sagen wir seelenruhig: »Mahlzeit.« Unsere Rollen machen das Zusammenleben berechenbar. Wir können wie nach einem Drehbuch handeln. Nun wird in den meisten Arbeitswelten ein betont sachbezogenes Auftreten erwartet.

Die Kehrseite ist, dass Verhaltensweisen, die in einem privaten Zusammenhang selbstverständlich wären, keinen Platz mehr haben. Wenn die sachorientierte Arbeitsfassade bröckelt, weil der Kollege von seinen Gefühlen übermannt wird, haben wir dafür keine passende Rolle. Wir müssen improvisieren.

Ist es da nicht das Einfachste, so zu tun, als hätte man nichts gemerkt? Ich meine: Nein.

Denn psychologisch gesehen dient Weinen dazu, der sozialen Umgebung zu signalisieren, dass man Unterstützung braucht. Man sollte das im Büro nicht einfach ignorieren. Aber es wäre auch falsch, den Kollegen auf einmal als Freund zu behandeln.

Denn dem Weinenden ist das Aus-der-Rolle-Fallen mindestens so unangenehm wie Ihnen. Deswegen empfiehlt es sich, sachlich zu bleiben und trotzdem Anteilnahme zu signalisieren.

Wie viel Distanz oder Nähe man dabei walten lassen sollte, kann man nicht theoretisch festlegen. Jeder macht es anders und auf seine Weise. Und liegt mit dem Bauchgefühl meistens gar nicht so falsch.