Am Morgen danach

ZEIT CAMPUS: Herr Giesemann, Herr Schulz, Sie haben leere Clubs fotografiert. Gehen Sie selbst oft feiern?

André Giesemann und Daniel Schulz: Bisher schon. Aber nach der Fotoserie haben wir aufgehört, so viel auszugehen.

ZEIT CAMPUS: Woran liegt das?

Giesemann und Schulz: Wir haben uns mit der Kamera dem ernüchternden Moment nach der Party gestellt. Den verlassenen Club am Morgen danach will man ja eigentlich lieber nicht sehen.

ZEIT CAMPUS: Warum hat Sie der Morgen interessiert?

Giesemann und Schulz: Uns ging es um diese Ernüchterung. Das Licht geht an, und man sieht nur noch den Raum in seiner Funktionalität.

ZEIT CAMPUS: Und was kann man da noch erkennen?

Giesemann und Schulz: Uns interessiert die Abwesenheit von Menschen. Die Bilder zeigen die gesellschaftliche Funktion von Clubs, auch ohne dass man Leute beim Tanzen sieht.

ZEIT CAMPUS: Inwiefern?

Giesemann und Schulz: Im Club kann man überschüssige Energie ablassen, das ist im Alltag ja eher unerwünscht. Nach zwei Tagen Feiern sehen die Räume ziemlich zerstört aus. Aber auch wenn sie leer sind, spürt man, dass da etwas passiert ist.

"Clubräume sind extrem schlicht und meistens zweckentfremdet"

ZEIT CAMPUS: Wie spürt man das?

Giesemann und Schulz:: Es riecht nach Alkohol und Schweiß. Und es gibt diesen eigenartigen Schmalz auf dem Boden. Ein Club lebt auch von diesen Spuren. Die bilden eine Art zweite Haut.

ZEIT CAMPUS: Was macht denn einen Raum zum Club?

Giesemann und Schulz:  Eigentlich braucht man nur eine gute Anlage, ein bisschen Nebel und vielleicht noch Stroboskoplicht. Clubräume sind extrem schlicht und meistens zweckentfremdet: Die Orte hatten schon eine Geschichte, lange bevor aus ihnen ein Club wurde.

ZEIT CAMPUS: Sieht man diese Geschichte?

Giesemann und Schulz: Ja, manchmal. Was zum Beispiel wie ein Großraumbüro aussieht, ist das alte Rundfunkzentrum der DDR . An der Wand hängen noch ein paar Telefone. Inzwischen ist der Club zu und das Gebäude abgerissen.

ZEIT CAMPUS: Sind andere Clubs auf Ihren Bildern mittlerweile auch geschlossen?

Giesemann und Schulz: Ja, einige. Unsere Serie ist eigentlich so etwas wie ein Archiv, sie zeigt nicht nur die Clubs, sondern auch, wie sie kommen und gehen.

ZEIT CAMPUS: Weshalb ist diese Kultur so schnelllebig?

Giesemann und Schulz: Das liegt daran, dass sich die Städte permanent verändern. Clubs nutzen leer stehende Gebäude. Manche von ihnen gibt es nicht länger als ein Jahr, weil sie Neubauten weichen müssen. Und manchmal hat sich ihre Atmosphäre nach einer Zeit auch einfach verbraucht.