Sind Gefühle stärker als Geld?

Marco Seitz*, 34, und Linda Bauer*, 32, sagten wegen eines Stipendiums ihre Hochzeit ab 

ZEIT CAMPUS: Sie wohnen zusammen, haben ein Kind – und ganz unterschiedliche Einkommen. Wie funktioniert das?

Linda: Ich arbeite seit einigen Jahren als Lehrerin. Marco promoviert, ist also noch Student, und lebt von einem Stipendium.

Marco: Unsere Absprache war: Linda zahlt die Miete, ich die Einkäufe. De facto klappt das bis zur Monatsmitte und auch nur, wenn keine größeren Anschaffungen anstehen, sonst muss Linda einspringen. Das Kinderbett und die Kleider für unser Baby konnte ich nicht bezahlen. 

ZEIT CAMPUS: Führt das im Alltag zu Spannungen?

Linda: Schon. Marco kommt oft erst spät aus der Bibliothek nach Hause. Ich muss mich um unser Kind kümmern. Andere Jobs haben ja auch ungeregelte Arbeitszeiten, aber die bringen wenigstens Geld.

Marco: Ich bin auf jeden Fall für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Dass ich als Mann nicht für meine Familie sorgen kann, ist mir aber trotzdem peinlich. Und auch, dass wir wegen des Geldes in letzter Minute unsere Hochzeit absagen mussten.

ZEIT CAMPUS: Wie bitte?

Marco: Wir haben unsere Hochzeit geplant, als ich die Förderanträge für meine Doktorarbeit schrieb. Dafür, dass es diese Förderung gibt, bin ich sehr dankbar. Dann habe ich gelesen, dass ab 1.100 brutto jeder Euro des Ehepartners angerechnet wird. Das wäre das Ende für meine Promotion gewesen. Ich bin völlig entgeistert ins Stipendienbüro gefahren. Die sagten: "Tja, Sie müssen ja nicht heiraten." Da hatten wir schon alles vorbereitet.

Linda: Die Einladungen waren längst verschickt. Aber dann habe ich drei Tage vorher im Standesamt angerufen und abgesagt.

Marco: Ich bin Geisteswissenschaftler, an meiner Fakultät gibt es kaum Drittmittel oder Lehraufträge. Wer promovieren will, braucht reiche Eltern oder eben ein Stipendium. Es ging einfach nicht anders. 

ZEIT CAMPUS: Sie haben alles abgeblasen?

Linda: Ich habe die Pfarrerin angerufen und ihr unter Tränen unsere Situation geschildert. Sie hat uns trotzdem getraut. Den Gästen unserer Hochzeitsparty und meinem Schulkollegium haben wir nichts verraten, dazu fehlte uns die Kraft. Nur unsere Familien und die engsten Freunde wissen Bescheid – und mein Chef, der an der Steuerklasse sieht, dass ich gesetzlich noch "ledig" bin.

Marco: Vom Gefühl her sind wir verheiratet. Aber vor einigen Wochen hatte ich einen schweren Unfall. Wenn ich nicht wieder aufgewacht wäre, hätte Linda mich im Krankenhaus nicht einmal sehen dürfen, geschweige denn entscheiden, was mit mir werden soll.

ZEIT CAMPUS: Streiten Sie manchmal, weil Marco kein Geld verdient?

Linda: Belastend ist es schon. Ich wünsche mir ein zweites Kind, doch das können wir uns nicht leisten, solange ich die Alleinverdienerin bin. Aber ich würde niemals sagen: "Lass die Doktorarbeit und geh lieber zur Unternehmensberatung!" Marco musste das probieren, sonst hätte er es bereut.

Marco: Dass man Opfer bringen muss, ist klar. Wissenschaft ist wie Leistungssport. Das müsste aber nicht so sein und ist mit einer Familie eigentlich nicht zu vereinbaren. Im Sommer läuft mein Stipendium aus, dann können wir die gesetzliche Trauung nachholen. Meine Doktorarbeit ist dann noch nicht fertig. Und ob ich danach eine Anstellung und ein ordentliches Gehalt bekomme, steht in den Sternen.