Mit der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 begann eine Wirtschaftskrise, die sich von fast allen Wirtschaftskrisen der Geschichte durch ein kleines, aber sehr wesentliches Detail unterscheidet: Man weiß, wer schuld war.

Das ist ungewöhnlich. Der Gang der ökonomischen Dinge ist ein komplexes Phänomen. Wenn Börsen krachen, Fabriken ihre Arbeiter entlassen und Unternehmen reihenweise Insolvenz anmelden, ist selten klar, an wem es liegt. Meist irgendwie an allen. An Politikern, die schlechte Politik betreiben, an Unternehmern, die an dumme Geschäftsideen glauben, an Arbeitern, die keine Leistung bringen. Diesmal war es anders. Es gab einen eindeutigen Verantwortlichen. Die Banken.

Banken waren es, die faule Kredite in komplizierte Wertpapierkonstruktionen verwandelten und dadurch auf der ganzen Welt mehrere Billionen Euro vernichteten. Banken waren es, die mit Milliarden von Steuergeldern gerettet werden mussten, um die größte Pleitewelle in der Geschichte des Kapitalismus zu verhindern. Banken waren es, die auf diese Weise die weltweite Staatsverschuldung in nie gekannte Höhen trieben. Will man da noch bei einer Bank arbeiten?

Es gibt, zunächst einmal, viele Gründe, sich bei einer Bank zu bewerben. Wer Freude am beruflichen Wettbewerb hat, kann dort viel Spaß haben. Man kann es zu Wohlstand bringen, sogar zu Reichtum. Mitunter lassen sich bei einer Bank Macht und Einfluss genießen. Die Frage ist, ob man auch das Gefühl haben kann, etwas Sinnvolles zu tun.

Will man von Finanzmanagern wissen, wofür es eigentlich Banken gibt, bekommt man meist Folgendes zur Antwort: Eine Bank versorgt die Wirtschaft mit Kredit. Sie stellt Geld zur Verfügung. Sie ist sozusagen eine Art Zulieferer für die Unternehmen in der Industrie und nichts weiter. Nichts daran ist falsch. Geld ist der wichtigste Rohstoff des Kapitalismus, noch wichtiger als Öl, Kohle oder Stahl. Ohne Kredite gibt es keine Investitionen, keine Arbeitsplätze, kein Wirtschaftswachstum. Trotzdem ist diese auch in ökonomischen Lehrbüchern häufig zu findende Darstellung von Banken als reinen Rohstofflieferanten eine Verharmlosung. Sie hört sich an, als sei das Bereitstellen von Geld, die Ausgabe von Krediten, der Ankauf von Aktien oder Anleihen eine neutrale, wertfreie Angelegenheit.

Geld ist nicht neutral

Das ist es aber nicht. Geld ist nicht neutral. Geld zerstört Arbeitsplätze. Manchmal erhält es sie auch, manchmal schafft es neue. Es kommt darauf an, wo es hinfließt. An der unterfränkischen Stadt Kitzingen zum Beispiel ist es vorbeigeflossen. Es war im Sommer 2009, in Kitzingen stand die MTK-Gießerei vor der Pleite. Kein Großunternehmen, nur 800 Mitarbeiter, aber in der Kleinstadt mit ihren 20.000 Einwohnern einer der wichtigsten Arbeitgeber. Die Wirtschaftskrise hatte die Gießerei hart getroffen. Die Geschäftsleitung bat die beiden Hausbanken, die HypoVereinsbank und die Commerzbank, um einen rettenden Kredit. Vergeblich. Die MTK-Gießerei vermeldete Konkurs. Der Insolvenzverwalter sagte, er habe noch nie ein so gesundes Unternehmen pleitegehen sehen. Am Ende wurde ein Großteil des Unternehmens gerettet, weil der Geschäftsführer es kurzerhand selbst kaufte und ihm einen neuen Namen verpasste. Heute verzeichnet es wieder ordentliche Umsätze.

Man kann das Verhalten der Banken in diesem Fall für eine Art handwerklichen Fehler halten. Jeder macht Fehler, auch Autobauer oder Kühlschrankhersteller. Auch dabei verschwinden Arbeitsplätze. Das Problem ist, dass es nicht um schlichte Fehler geht. Sondern um moralisch zweifelhaftes Verhalten aus Sorge um die Höhe der Rendite.

Im Frühjahr 2008 konnten Frankfurter Bäckereikunden auf ihren Brötchentüten die Frage lesen »Freuen Sie sich über steigende Preise?«. Tatsächlich stiegen damals rund um die Welt die Preise für landwirtschaftliche Produkte. Weizen wurde teurer, Brot auch. Aber warum sollte man sich darüber freuen?

Verantwortlich für den Aufdruck auf der Tüte war die Deutsche Bank. Sie hatte einen Investmentfonds im Angebot, der das Geld seiner Kunden in Agrarrohstoffe anlegte. Mit diesem Fonds, so das Versprechen, können die Brötchenkäufer von steigenden Getreide-, Reis- oder Maispreisen profitieren. Auf den ersten Blick ist das eine feine Sache, bei genauerem Hinsehen aber eine ziemlich zynische Angelegenheit. In einigen Ländern Afrikas und Asiens wussten die Menschen damals angesichts der auf einmal so teuren Nahrungsmittel nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollten, es kam zu Hungerrevolten.