Mai 2012. Manchmal trug sie einen BH, obwohl sie ihn nicht brauchte. Wenn sie auf den Rücken lag, zerlief das wenige Brustfleisch wie Eierpfannkuchen. Sie hob den Kopf an, bei dem Versuch den Rauch als Ringe in die Luft zu pusten. Sie schaffte nur rundliche Gebilde, nie Ringe. Der Rauch waberte, statt, so der Plan, gepresst aus dem Mund in Bahnen gelenkt zu werden. Unstete Rauchkonstruktionen.

Meist spreizte sie die Beine auch im Liegen in den Schneidersitz. Die Scham war Richtung Tür gerichtet. Es war die Position, in der Mädchen in ihrem Alter für gewöhnlich masturbierten. Aber die Hand, die nicht rauchte, ruhte mit der Handfläche gen Zimmerdecke neben ihrem Kopf. Beim Ausatmen öffnete sie den Kiefer wie ein Fisch, fast mechanisch. Auf, zu, auf, zu, auf, zu.

Ihr Zimmer lag im Dachgeschoss und weil es sich erhitzte im Sommer, gab es eine Klimaanlage, die das Au-Pair Mädchen Brunella, eine Person aus Italien , regulierte. Das Mädchen, das Mia hieß, konnte Brunella nicht leiden und Brunella Mia erst Recht nicht. Brunella hielt Mia für ein verzogenes, depressives Ding und Mia Brunella im Ganzen für unnötig. Im Mai betrug die durchschnittliche Temperatur in Mias Zimmer 18 Grad. Wenn es ihr zu kalt wurde, schob Mia die Füße gekrümmt wie eine Balletttänzerin ein paar Zentimeter unter die Viskose-Decke. Die Scham blieb immer unbedeckt.

Juli 2012. Ich war mit Mias älterer Schwester in einer Klasse. Marissa und ich hatten sogar mal geknutscht, aber das war nicht der Rede wert. Es war die Zeit, in der Jugendliche Apfelkornflaschen auf Spielplätzen tranken, Zelten gingen und dann ein paar Übermütige den Mädchen ihre Schwänze zeigten. Die Zeit, in der man ahnt langsam erwachsen zu werden, aber trotz allem nicht weiß, wie man es anstellen soll. Also verhält man sich so schlecht wie die anderen und wartet die Sommer ab. Wir saßen am Lagerfeuer auf der Wiese am Löschteich. Marissa schmeckte nach Apfelkorn und roch nach Mädchenshampoo. Es waren warme Zungenschläge mit zu viel Speichel. Heute stelle ich mir vor wie es wäre noch einmal zu knutschen. Die Zunge ist noch intakt.

Marissa studiert jetzt in St. Gallen Wirtschaftspsychologie. Ob Mia und Marissa sich mochten, weiß ich nicht. Damals war Mia noch klein und kleine Geschwister galten als Opfer. Ich weiß, dass ich Marissa zweimal zuhause abgeholt habe und beim ersten Mal hat sie gesagt, dass sie mich liebt. Aber es war auch die Zeit, in der man Dinge sagte, von denen man annahm sie sagen zu müssen.

Mia stand damals in Unterhose im Türrahmen, sagte nichts, glotzte bloß. Die ist gestört, sagte Marissa und dann gingen wir Sauren Berentzen besorgen. Auf dem Spielplatz am Burgberg knutschte Marissa eine Woche später mit Thomas Wischneswkie und Til kackte in eine Pringles-Dose mit Paprika-Flavour. Ich war kurz traurig, fand dann aber Betäubung in einer Flasche Korn, den ein Penner hinterm Altglascontainer vergessen hatte.

September 2012. Mia weint, während die Familie im Wintergarten das Sommerfest feiert. Meine Mutter ist auch da. Sie trägt Halbschuhe und ihre Hände riechen nach Zwiebeln. Sie wollte, dass ich mitkomme. Ich habe Nein gesagt. Von oben sehe ich grüngestreifte Pavillons. Unter einem steht meine Mutter mit Lottewieners aus der 42. Lottewieners Til kackte irgendwann auch in der Schule ab. Jetzt ist er auf einer privaten Hochschule und studiert Eventmanagement.

Meine Mutter sagt dann den Lottewieners, dass der Lennart ein guter Junge sei und der Pfleger eine Erleichterung. Und sie sagt, wie der Doktor von dem Lenni schwärmt. Und erst, wenn der Abend und die Föhnfrisuren zusammensinken und ihr der Berufsschullehrer aus der 72 zu viel Obstler gegeben hat, weil er mit ihr schlafen will, dann senkt sie den Kopf und seufzt. Mit dem Seufzer beginnt die Phase der Selbstaufgabe. Der Berufsschullehrer wird zuhören und einfühlsam wirken. Er wird seine Hand auf die meiner Mutter schichten und denken, was für ein herrliches Wesen. So labil. Und ich werde hier oben sitzen und hoffen, sie nicht hören zu müssen. Zum Glück habe ich Mia. 

Oktober 2012. Mia feiert Geburtstag und ich bin nicht eingeladen. Der Wintergarten der von Redows liegt im Süden. Die Einladungen hat sie gekrickelt letzte Woche auf ihrem Bett, wie immer auf dem Rücken und dabei hat sie geraucht, aber mehr Joints als Zigarillos. Um Brunella zu ärgern, drückt sie die Stummel seit vier Tagen auf dem Teppichvorleger neben ihrem Bett aus. Brunella hat das Frau von Redow gesagt.