Juli. Weil, da kann man noch sagen, letztes Jahr. Letztes Jahr, kann man da jetzt noch sagen. In einem Jahr da sagt man dann vor zwei Jahren und in zwei Jahren vor drei Jahren und in drei Jahren vor vier Jahren und in vier Jahren vor fünf Jahren und in fünf Jahren vor sechs Jahren und in sechs Jahren vor sieben Jahren und in sieben Jahren vor acht Jahren und so weiter. Das sagt man nicht. Das denkt man vielleicht, aber man sagt es nicht. Man sagt, letztes Jahr.

Juni. Da sind so Sätze und der Klang seiner Stimme, die möchte ich mir am liebsten einfrieren um sie ab und zu aufzutauen, sage ich. Ich weiß, sagt sie, ich auch.

Mai. Da spür ich jetzt so eine Stelle, sage ich zu ihr, so eine Stelle, wo vorher was war. So eine Stelle, wie ein Zimmer, wo die Tapete schon runter ist. Da steht vielleicht noch ein Besen rum oder ein Eimer Farbe, vielleicht hängt da noch eine Vorhangstange über dem Fenster, die nicht abmontiert wurde, aber mehr nicht. Jetzt ist das so eine Stelle geworden, sage ich, so ein fast leeres Zimmer, das ich kaputt schlagen will. Da hab ich gelesen, sage ich, dass es so was jetzt gibt, Stellen im Gehirn löschen, fast leere Zimmer endgültig rausreißen. Da gibt es so eine Professorin in Kalifornien, die heißt Elizabeth Loftus, die kann das. Die sagt, das Gedächtnis ist suggestiv, subjektiv und formbar. Da fragt sie, ob ich das Paket aufgemacht habe. Da trinke ich mir Mut an und mache es auf. Da ist ein Seidentuch drin, von ihm, das nicht mehr nach ihm riecht. Ich weiß noch, wie er riecht, wenn ich mich ganz doll anstrenge, dann kann ich ihn noch riechen. Das Tuch riecht nicht nach ihm. Ich lege das Tuch ganz vorsichtig auf die Stelle, zwischen den Besen und den Eimer Farbe, aber dann hänge ich es doch über die Vorhangstange.

April. Da wachsen jetzt Osterglocken und Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht, sagt sie am Telefon. Auf ihm wachsen jetzt Osterglocken und Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht, sage ich. Wenn ich wiederkomme wachsen da keine Osterglocken und Stiefmütterchen und Vergissmeinnicht mehr, dann Rosen und Efeu, sagt sie. Ich frage, ob das alles ist, was sie interessiert, Scheißblumen. Oder Scheißsteine, schreie ich.

März. Da hab ich ein Foto entdeckt, wo vorher keins war und es dann sofort in den Müll geschmissen. Wenn da vorher keins war, dann hat da auch jetzt keins was verloren, schreie ich sie an. Sie sagt, dass es nicht sie war, die das Foto da hin gestellt hat, dass das jemand anderes war, der es gut gemeint hat. Ich schreie immer noch und schreie, dass hier niemand das Recht hat herzukommen und einfach Fotos aufzustellen, wir sind hier kein Scheißmuseum, schreie ich. Jemand muss da sitzen auf seinem Platz, damit der nicht leer bleibt, schreie ich. Da muss jemand sitzen, damit jemand dann aufstehen kann, wenn er zur Tür rein kommt, damit er zur Tür rein kommen kann und sagen kann, das ist mein Platz, du sitzt auf meinem Platz. Damit jemand dann aufstehen kann und er sich dann hin setzen kann, schreie ich. Da hat sie jetzt Platz gemacht in der Garderobe, sagt sie, und im Kleiderschrank und in der Garage.

Februar. Da hab ich nicht aufgehört mit dem Rauchen, das würde ihn aber freuen, sagt sie. Woher sie das wissen will, schreie ich, woher sie wissen will ob er sich da wo er jetzt ist, da drüber freut, dass ich mit dem Rauchen aufhöre. Ich höre nicht auf.

Januar. Da ruf ich sie an, da sie ist nicht da, aber seine Stimme ist da, auf dem Scheißanrufbeantworter. Die darfst du nie löschen, schreie ich nach dem Piepton, nie.

Dezember. Da sagt sie, er hat was aufgeschrieben, für jeden von Euch. Ich will das nicht lesen, sage ich. ICH WILL DAS NICHT LESEN, ICH WILL DA NICHT DRÜBER REDEN, LASS MICH IN RUHE. Scheißweihnachten. Da hat er sich immer das ganze Jahr drauf gefreut, auf den Weihnachtsbaum, den auszusuchen und zu schmücken und da hat er dann geklingelt und dann durften wir rein. Letztes Jahr, da hat er es schon nicht mehr allein geschafft, da musste sie ihm dann helfen und da war er danach so erschöpft, das er sich dann hingelegt hat und wir haben uns alle betrunken, weil wir gewusst haben, das ist das letzte Scheißletzteweihnachten.

November. Da hat er dann auf einmal danach gefragt. Und ich hab ihn angeschrien und gesagt, wie kannst Du so was fragen, und dann hat sie gesagt, ja, und hat angefangen mit ihm über Gräber zu reden, aber da hat er dann schon nicht mehr zugehört. Sie hat gedacht, jetzt setzt er sich damit auseinander, aber er hat noch nie über Gräber geredet. Sie hat ihm gesagt, wir haben die Karten auch schon und die Anzeige, gut, hat er gesagt. Ich hab ihm vom weißen Wal vorgelesen, von Ismael und Kapitän Ahab. Geh nicht weg, hat er gesagt. Da hab ich ihm meine neuen Stiefel vorgeführt, die Absätze sind zu laut, hat er gesagt. Einmal, da hat er sich fast nicht mehr bewegt, da hab ich es mit der Angst zu tun gekriegt und die Schwester gerufen. Aber sie hat gesagt, das ist normal. Ich hab Dich lieb, hat er gesagt, dann ist er wieder eingeschlafen, da bin ich raus und hab geweint und gedacht, mach, dass es aufhört, weil, ich hab dich so lieb, hab ich gedacht, lieber als irgendwen. Mach, dass es aufhört. Ich hab mir dann Filme angeguckt die ganze Nacht lang, Zombiefilme. Sie hat da übernachtet und mich dann angerufen so um acht in der früh. Da hab ich dran gedacht, wie er da stand im Sommer am Meer, in einem Sommer am Meer mit seinem weißen Hut in hochgekrempelter Leinenhose, hab ihn da so stehen sehen im Wasser, wie er sich runterbeugt um eine Muschel aufzuheben und sich dann noch mal umdreht und so guckt, als ob er was weiß. Wie er mich da so anguckt, als ob er was weiß. Sie fragt ob ich was wissen will, ich schreie sie an: ICH WILL NICHTS WISSEN UND ICH WILL IHN AUCH NICHT NOCHMAL SEHEN, ICH WILL IHN NICHT NOCHMAL SEHEN! schreie ich.