Ence schob die Klinge des Buttermessers immer wieder zwischen die Seiten des Buches, das vor ihm auf dem Tisch lag. Milán Füst. Die Geschichte meiner Frau. Ich saß auf dem ungeschliffenen Parkett und schnitt mir die Fußnägel über einer benutzten Teetasse.

Dann versuchte ich den Rotwein, den Ence mir während einer seiner berüchtigten Wutanfälle ins Gesicht gekippt hatte, aus den Haaren zu waschen. Es stank. Ich würde von diesem Zug abspringen, bevor es zu spät war, Ence sich vor ihn werfen, der Dramatik wegen, die das Ende so einer Geschichte seiner Meinung nach eben verdient hat. Ich machte ihm trotzdem einen Toast. Der Mann vergaß das Essen mit solch einer Regelmäßigkeit, dass es mich wunderte, wieso er noch nicht verschwunden war.

Dann ging ich ins Katica. Ferenc nahm den Hut ab, als er mich sah. Ich behielt die Hände in den Taschen, es war verstörend, wenn er sie zum Gruß küsste. Fleischige Hände griffen unsicher nach dem Tragriemen meiner Tasche, „lass mich das nehmen‟, dann hielt er, ein Meister der guten Umgangsformen, mir die Tür auf und ließ mich eintreten. An der Bar war ein gutes Dutzend ewiger Studenten und überzeugter Taugenichtse fleißig dabei, verdünnten Weißwein und Marlboro Red zu inhalieren. Ein Mädchen im trägerlosen, weißen Kleid traktierte verbissen den einarmigen Banditen an der Wand. Sonst war nicht viel los. Lautlos schoben wir, Ferenc und ich, unsere Stühle zurück, ich bestellte Bier vom Fass, er nahm einen kleinen Apfelsaft, wie üblich. Unter der schmutzigen Schürze der unfreundlichen Bedienung blitzte nacktes, aufgedunsenes Fleisch hervor. Zwei krampfadernde, unförmige Waden, Füße, die in dreckigen Latschen steckten, eine Hand, die lustlos ein paar Krumen vom Tisch fegte, „Sonsnochwas?‟ , dann schob sie ihr voluminöses Hinterteil zwischen den Tischen hindurch zurück zum Tresen. Es war deprimierend und mein Bier, im Ernst, es schmeckte wie das Zeug, das man im Krankenhaus bekam, bevor einem der Darm gespiegelt wurde. Ich fingerte eine Zigarette aus der Packung, Ferenc sortierte sichtlich aufgeregt seine Papiere, schob mir, ohne mich an zu sehen, meinen Laptop entgegen. Er hatte immer noch keine Ahnung, wie man eine E-mail las, verfasste und abschickte, dabei hatte ich es ihm gezeigt. Wieder und wieder. Mit der Geduld einer Mutter, die ihrem Sprössling das Binden von Schnürsenkeln erklärt. Anstatt einfach Schuhe mit Klettverschluss zu kaufen. 

„Du kannst fahren.‟sagte ich schließlich und versuchte ein aufmunterndes Lächeln. Seine Augen leuchteten auf, seine wulstigen Lippen bebten. Fasziniert beobachtete ich, wie sich immer mehr Speichel in seinem Mundwinkel sammelte. So war das also, wenn einem das Wasser im Munde zusammen lief. Stolz, aber immer noch schweigend schob er mir jetzt den Stapel an Papieren herüber. Zuoberst die unterschriebenen Scheidungspapiere. Darunter der Waffenschein. Ich hatte einem Witz machen wollen, als ich ihm sagte, dass im Wiener Tierpark das Wild nur so darauf brannte, auf seinem Teller zu landen. Er hatte es nicht verstanden. Dann die Aufenthaltsgenehmigung, die umfangreiche Empfehlung eines ehemaligen Arbeitgebers, ganz unten das Zugticket. Abfahrt 11:10 Uhr Budapest-Keleti. Ankunft 14: 00 Uhr Wien Westbahnhof. Vergangenheit. Zukunft.

Ganz kurz bekam ich Lust, mich feierlich zu erheben und ihm die Hände zu schütteln, meine Bewunderung auszusprechen. „Du alter, verbrauchter Mann. Ich bin stolz auf dich. Schmeisst einfach dein Leben weg, beginnst ein neues, mit nichts weiter als ein bisschen Garn, einer gebrauchten Walther, ein paar verblichener Unterhosen im Gepäck. Na los doch. Setz deinen hässlichen Hut auf, rück dein geflicktes Sakko zurecht, den Brustkorb raus, den Rücken gerade, den Kopf erhoben. Macht nichts, dass du keine Ahnung hast von der wirklichen Welt, dass du dein Geld in einem Schuhkarton aufbewahrst, weil du der Bank nicht traust. Wir auch nicht, nicht mehr. Du machst das schon alles richtig, alter Mann.‟ Das alles wollte ich gerne sagen, doch ich hielt den Mund, ich mochte ihn. Und die 2000 Forint, die er mir jedes mal zusteckte, als müsste er eine Hure bezahlen, die konnte ich gut gebrauchen, seit nicht nur das Benzin, sondern auch die Zigaretten teurer geworden waren. Davidoff konnte ich mir schon lange nicht mehr leisten. Bald würde hier ein Laib Brot soviel kosten wie andernorts eine ganze Bäckerei. Hatte Ferenc gesagt und ich fing an, zu glauben, was er sagte.

Vor der Kneipe patrouillierten ein paar Gardisten, ihre Kinder im Schlepptau, die ungarische Fahne stolz gen Himmel erhoben. Schaufelten sich knietief durch den eigenen Wahnsinn wie Maulwürfe auf Bufotenin. Verblödung kann man sogar durch schmutziges Milchglas erkennen. In den letzten Monaten hatte ich genug unnütze Erkenntnisse über dieses Land gesammelt, um ein Buch zu schreiben. Aber hier wurde nicht mehr geschrieben. Geredet eigentlich auch nicht mehr. Ferenc konnte ich das verzeihen, der hatte eh nie viel gesagt. Dem Rest der Welt spuckte ich auf die Füße deswegen. Ich überflog die letzte Nachricht. „Sie werden dir bei der Wohnungssuche helfen, schreibt Frau Wangen. Dein Gehalt wird vertraglich festgesetzt und auf ein österreichisches Bankkonto überwiesen, das du dir einrichten musst.‟ Ich lächelte ihn zuversichtlich an und er steckte die Papiere in einen großen Umschlag und verschloss diesen. Dann faltete er die Hände über dem Tisch. „Und du? Was wirst du machen?‟ Er schlug die Augen nieder und errötete, als hätte er mich soeben gebeten, ihm in den Mund zu pinkeln. „Heute? Morgen?‟ „Nein.Überhaupt.‟ Er scharrte mit den Füßen. Ich pulte an den Noppen des schmutzig-gelben Plastedeckchens. „Versuchen, vom Zug zu springen, bevor es zu spät ist.‟