ZEIT CAMPUS: Wenn ich Ihnen den Schreibtisch meines neuen Kollegen beschreibe, sagen Sie mir dann, was für ein Mensch er ist?

Michael Erlhoff: Was steht denn drauf?

ZEIT CAMPUS: Ein Visitenkartenhalter. Und darüber hängt eine Weltkarte.

Erlhoff: Na, den kriegen Sie doch schnell auf die Reihe. Der will angeben und Ihnen zeigen, wie vernetzt und weltgewandt er ist.

ZEIT CAMPUS: Das klingt ein bisschen nach Küchenpsychologie.

Erlhoff: Mag sein. Aber nichts, was man auf einem Schreibtisch findet, liegt da zufällig. Der Tisch ist ja viel mehr als eine Arbeitsfläche.

ZEIT CAMPUS: Nämlich?

Erlhoff: Ein Ausstellungsraum, eine Bühne. Es ist wie mit der Kleidung: Die ist nicht nur dazu da, uns warm zu halten. Wir wollen den anderen damit etwas mitteilen. Wir rennen permanent als Kommunikationsmittel herum.

ZEIT CAMPUS: Sie zum Beispiel – schwarzes Sakko, knitteriges Hemd – was wollen Sie mir mitteilen?

Erlhoff: Dass ich ein legerer Typ bin und vielleicht ein bisschen eigen. Jeder macht das, und mit den Schreibtischen ist es ähnlich: Familienfotos stehen meist genau so, dass die Kollegen sie nicht übersehen können, vor allem, wenn die Kinder ganz süß aussehen. Das, was auf einem Bürotisch steht, bedeutet nichts anderes als: "Hey, ich wink dir zu!" Menschen wollen kommunizieren. Und vor allem wollen sie Macht und Status demonstrieren.

ZEIT CAMPUS: Wie machen sie das?

Erlhoff: Manche stellen ganz plump Trophäen auf – Mitarbeiter des Monats und so etwas. Manche legen scheinbar zufällig den Schlüssel ihres dicken Autos auf den Tisch. Und dann gibt es noch regelrechte Insignien der Macht. Ein Füllfederhalter zum Beispiel heißt: Meine Signatur ist von Bestand. Kugelschreiber sind was für Praktikanten. Chefschreibtische sind oft aus schwerem Metall, kantig und robust. Sie senden eine klare Botschaft: Ich bin unverrückbar, mit mir kann man nicht umgehen, wie es einem gerade passt.

ZEIT CAMPUS: Glauben Sie wirklich, jemand sagt: Seht her, ich hab einen kantigen Schreibtisch, ich bin ein kantiger Typ?

Erlhoff: Wir reden nicht von bewussten Mechanismen. Dieses Machtspiel ist subtil, viel weniger offensichtlich als früher. Bei der Schuhfirma Bata gab es in den zwanziger Jahren einen Chef, der stellte seinen Schreibtisch in einen umgebauten Fahrstuhl. Er fuhr durch die Etagen und – bling! – öffnete die Fahrstuhltür, um zu prüfen, ob seine Leute auch arbeiten. Später, in den Großraumbüros der Sechziger, gab es Bürovorsteher, die von einem erhöhten Schreibtisch aus den Raum kontrollierten.