Liebe Luise*, Du sagst, es war ein heißer Tag im Sommer vor drei Jahren. Ich selbst kann mich nicht an ihn erinnern, wie an vieles in meinem Leben. Aber das Gefühl ist geblieben. Wie wir aus dem Flugzeug springen, 4.000 Meter über dem Boden, uns an Armen und Beinen fassen, vom Wind aufgefangen werden. Wie wir in der Luft schweben, schwerelos, als Viererteam und doch jeder für sich allein. Wie wir von einer Formation in die nächste wechseln, uns in sicherer Höhe trennen und den Fallschirm ziehen. Es ist das beste Gefühl, das ich kenne; wir beide haben es oft geteilt. Und wir waren erfolgreich. Gerade hatten wir den sechsten Platz bei den Deutschen Meisterschaften belegt. Die Saison war vorbei. Aber ich wollte mehr.

Ich bin allein gesprungen. Zwei andere Fallschirmspringer haben später gesagt, mein Schirm hätte sich auf 1.000 Metern geöffnet, wie immer. Aber irgendetwas ist schiefgegangen. Ich bin in der Luft ohnmächtig geworden. Vielleicht hat sich der Schirm an meinem Helm verhakt und mir einen Schlag gegen den Kopf versetzt. Der Helm war ausgeliehen und saß locker. Vielleicht war ich auch übermüdet, weil ich die ganze Nacht an der Bar gearbeitet hatte. Du meinst, eigentlich hätte ich das immer locker weggesteckt. Wir werden den Grund nie erfahren.

Anstatt bei der Landung zu bremsen, bin ich mit dem Kopf auf den Boden geknallt. Bam. Da lag ich. Schwere Hirnverletzungen, gebrochener Kiefer, bewusstlos. Heute weiß ich, dass ich nur eine Woche lang im Koma lag. Es kam mir ewig vor. Als hätte mich jemand in eine andere Welt geschubst, in der das Licht aus war.

Am Anfang habe ich nur gezappelt

Als ich in der Reha-Klinik aufgewacht bin, hast Du mich sofort besucht. Am Anfang habe ich nur gezappelt. Du erzählst mir immer wieder, ich hätte als Erstes gefragt: "Wann kann ich wieder fallschirmspringen?" Zum Glück habt Ihr mir nicht gleich die Wahrheit gesagt. Ich konnte nicht so weit denken, mich zu fragen, wo ich war und warum ich dort lag. Irgendwann konnte ich lächeln, aber erst nur mit einer Gesichtshälfte. Du hast mir einen Gürtel aus Holzperlen von Korfu mitgebracht. Ich habe versucht, hineinzubeißen, sagst Du – davon weiß ich nichts. Du sagst, ich sei sehr dünn gewesen, aber ich hätte dich gleich erkannt. Die wichtigen Dinge wusste ich noch.

Dann hat mein zweites Leben begonnen. Die alte Johanna war vom Himmel gestürzt, die gab es nicht mehr. Die neue Johanna musste sprechen und laufen lernen, wie ein kleines Kind. Anfangs habe ich nur monotone Laute von mir gegeben. Nach zwei Monaten konnte ich Augen, Arme, Hände und Finger der rechten Seite schon wieder so gut koordinieren, dass ich auf Zuruf einen Ball fangen konnte. Die linke Seite war zunächst komplett gelähmt. Heute ist nur der linke Arm noch etwas lahm, doch er bessert sich von Woche zu Woche. Nach fünf Monaten konnte ich einzelne Wörter schreiben. Manches Wissen, vor allem aus meinem Medizinstudium, war plötzlich wieder da. Als hätte ich den richtigen Schlüssel gefunden. Irgendwann konnte ich auf einmal wieder Französisch und Englisch sprechen.

Der Gedächtnisverlust war das eine, viel schlimmer aber war die Veränderung meines Charakters. Durch den Sturz sind in meinem Kopf Hirnareale für die Regulierung von Emotionen beschädigt worden. Plötzlich habe ich mich völlig anders verhalten als früher. Hättest Du nicht Geduld für zwei aufgebracht, unsere Freundschaft hätte den Absturz nicht überlebt.