ZEIT CAMPUS: Frau Lüdemann, in vielen Unternehmen geht es heute lockerer zu als früher. Ist gutes Benehmen eine individuelle Entscheidung?

Carolin Lüdemann: Das würde ich so nicht sagen. Die Frage ist doch, für wen wir uns gut benehmen. Wir benehmen uns für andere gut, denn ein höflicher und rücksichtsvoller Umgang ist ein Zeichen von Respekt. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, der für gutes Benehmen spricht und zeitlos ist: Wir können uns damit das Leben enorm erleichtern.

ZEIT CAMPUS: Indem man sich besser anpasst?

Lüdemann: Nicht indem wir uns besser anpassen, sondern indem wir besser wirken! Der erste Eindruck wird beim Kennenlernen in wenigen Sekunden geprägt. Wenn ich mich in diesen ersten Sekunden des Zusammentreffens mit einem Fremden optimal und sympathisch präsentierte, profitiere ich davon. Dann wird alles Weitere leichter.

ZEIT CAMPUS: Bloß deshalb ein Auftreten einzustudieren, um andere von sich zu überzeugen – ist das denn nicht aufgesetzt?

Lüdemann: Niemand sollte anderen etwas vorspielen oder einfach ein einstudiertes Verhalten abspulen! Das geht schief, denn die meisten Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob sich jemand authentisch verhält. Echt wirken wir nur, wenn wir uns die Formen des höflichen Umgangs nicht aufzwingen lassen, sondern diese auch selber wollen – und sie verinnerlicht haben.

ZEIT CAMPUS: Kann man nicht einfach man selbst sein?

Lüdemann:Es geht bei Benimmregeln nur um einen Rahmen . Diesen kennenzulernen und zu verinnerlichen braucht etwas Zeit. Man muss sich erst daran gewöhnen. Aber sobald das in Fleisch und Blut übergegangen ist, können Sie sich innerhalb dieses Rahmens frei und individuell entfalten.

ZEIT CAMPUS: Und das kann man als Berufsanfänger noch lernen, wenn man es nicht schon mitbringt?

Lüdemann: Natürlich prägt uns das Elternhaus. Welcher Brotteller im Restaurant zu mir gehört oder wie ich ein Weinglas anfasse – wenn Sie das schon als Jugendlicher gelernt haben, können Sie dieses Wissen umso natürlicher auch im Berufsleben anwenden. Wer solche Regeln erst später lernt, braucht etwas länger für diese Natürlichkeit. Wenn ich mit Kunden zu einem Geschäftsessen gehe, dann sollte ich nicht mehr ewig darüber nachdenken müssen, welches Besteck ich wann in die Hand nehme und wo ich die Serviette hinlege. In diesem Kontext muss ich die Regeln souverän beherrschen.

ZEIT CAMPUS: Braucht man viel Lebenserfahrung, um als Berufsanfänger souverän aufzutreten?

Lüdemann: Das Alter spielt dabei eigentlich keine Rolle. Eher kommt es darauf an, ob Sie vorher schon einmal mit dem Berufsumfeld in Berührung gekommen sind, etwa durch ein Praktikum. Viele, die nach dem Studium einfach ins kalte Wasser springen, sind im Beruf sehr zurückhaltend, nach dem Motto: "Ich mache lieber gar nichts als etwas Falsches." Das ist problematisch, denn so findet man sich in einen neuen Job nicht gut ein.