ZEIT Campus: Warum interessieren Sie sich als Soziologin für die Liebe?

Illouz: Mein Zugang zur Soziologie ist vielleicht typisch für eine Frau. Viele männliche Soziologen ignorieren Beziehungen, Gefühle und Alltag in ihrer Arbeit. Wenn wir erforschen, was unsere Identitäten prägt und wie soziale Ungleichheit entsteht, sind emotionale Faktoren aber mindestens genauso wichtig wie wirtschaftliche oder politische. Auch die Liebe ist verstrickt in größere soziale Zusammenhänge. Man muss nur das Vokabular finden, um die Verbindungen aufzudecken.

ZEIT Campus: Sie sprechen zum Beispiel von "Heiratsmärkten". Sind Verliebte wie Waren, die sich gegenseitig kaufen?

Illouz: Nein, Menschen sind keine Waren, aber sie denken unter wirtschaftlichen Vorzeichen übereinander nach. Nehmen wir an, es wäre für Sie ausgeschlossen, mit einer ungebildeten Frau auszugehen. Dann hätten Sie nicht die unbeschreibliche Sehnsucht nach einer Seelenverwandten, sondern würden die Frauen, die Sie treffen, nach klar benennbaren Wertattributen beurteilen. Emotionales Denken ist nicht mehr fern von ökonomischem Denken.

ZEIT Campus: Widerspricht dieses rationale Denken nicht der Idee der wahren Liebe?

Illouz: Keineswegs, denn wenn Sie jemanden aus ihrer eigenen sozialen Schicht kennenlernen und alles glattgeht, werden Sie sich Ihre Kriterien gar nicht bewusst machen.

ZEIT Campus: Sie schreiben auch von "erotischem Kapital". Können Sie das erklären?

Illouz: Wir wollen nicht nur einen guten und moralischen Charakter haben, sondern auch sexy sein. Und Sexyness korreliert mit Geld und Erfolg. Das legt nahe, dass sich mit Sexyness andere Dinge erreichen lassen, etwa Macht, Geld und Erfolgschancen. Deshalb spreche ich von "erotischem Kapital", so wie der Soziologe Pierre Bourdieu von "sozialem Kapital" und "kulturellem Kapital" sprach, das sich gegen andere Werte eintauschen lässt.

ZEIT Campus: Kapital ist etwas, das sich mit der Zeit vermehrt, wenn man es gut anlegt. Sexyness hingegen ist mit dem Alter immer schwieriger aufrechtzuerhalten...

Illouz: Und genau deshalb boomt die Kosmetikindustrie. Seit der sexuellen Befreiung ist uns unser erotisches Kapital so wichtig geworden, dass wir Strategien entwickelt haben, es uns lange zu erhalten. Für Männer hat Viagra das Alter sogar praktisch abgeschafft. Die Modebranche, die Fitnessstudios, selbst der Tourismus profitieren davon. Wenn morgen niemand mehr etwas auf Sexyness gäbe, würde die Wirtschaft zusammenbrechen.

ZEIT Campus: In Ihrem Buch heißt es, die Liebe sei "entzaubert" worden. Was bedeutet das?

Illouz: So, wie man sich im 19. Jahrhundert von der Liebe erzählte, konnte sie über Leben, Tod und das ganze Sein eines Menschen bestimmen. Dieser Gedanke ist uns heute eher fremd. Wenn wir über Liebe reden, dann oft distanziert und ironisch – so wie der Cartoon. Zwar fantasieren wir noch von der romantischen Liebe, aber die Fantasien sind hohl geworden. Es wird kaum noch der Anspruch erhoben, sie ausleben zu können.

ZEIT Campus: Romanzen laufen doch immer noch gut.

Illouz: Sie irren sich, denn das Genre hat sich verändert. Es muss damit umgehen, dass kaum noch jemand an die romantische Liebe glaubt. Liebesfilme sind viel ironischer geworden.