Unter Gleichen

Sollten die Zahlen halten, was sie versprechen, dann liegt hoch oben im Norden, wo es fast immer dunkel ist und kalt, wo sich Gletscher übers Hochland schieben und Vulkane Staub und Feuer spucken, ein Paradies. Ein Paradies für Frauen, die Kinder wollen und trotzdem einen guten Job. Für Männer, die ihre Familie nicht nur ernähren, sondern auch sehen möchten. Für Paare, die Kinder lieber machen, statt immer nur darüber nachzudenken.

In keinem Land der Welt sind Frauen und Männer so gleichberechtigt wie in Island. So steht es im aktuellen Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums, in dem Ökonomen und Sozialwissenschaftler jedes Jahr den Grad der Gleichberechtigung in mehr als 130 Ländern messen. Deutschland liegt auf dem elften Platz, hinter Lesotho und den Philippinen. Frauen zu fördern ist in Deutschland beliebt, so wie es beliebt ist, das Klima zu retten und Daten zu schützen, und alle machen mit: Unternehmen, Parteien, Papas. Aber die Ergebnisse ihrer Anstrengungen sind schwach. Kindererziehung ist in Deutschland immer noch Frauensache, nur jeder vierte Vater geht in Elternzeit. Darunter leiden die Aufstiegschancen von Frauen, die als Mütter jahrelange Karrierepausen machen, in denen männliche Kollegen an ihnen vorbeiziehen: Das größte deutsche Unternehmen, der Volkswagen-Konzern, besetzt nicht einmal fünf von hundert Führungsposten mit Frauen. Ein Baby zu bekommen und schnell in den Job zurückzukehren ist für viele Frauen utopisch: Für mehr als 200.000 Kinder fehlen Krippenplätze, obwohl im nächsten Jahr ein Rechtsanspruch darauf besteht. Und laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds gibt es für alleinstehende Frauen in Deutschland kein größeres Armutsrisiko, als ein Kind großzuziehen. Karriere oder Kinder, so ist das in vielen Fällen immer noch.

Katharina Schneider, 32, war deshalb so frustriert, dass sie das Land verließ, als sie zum ersten Mal schwanger wurde.

"Wenn du von der Arbeit kommst, Mama, dann puzzeln wir!" – "Dann puzzeln wir", sagt Katharina und gibt Elisabet einen Kuss. Auf dem Küchentisch liegt, halb fertig gepuzzelt, Tinker Bell, die kleine Fee, daneben leere Kaffeetassen von den Landarbeitern. Baltasar steht auf einem Stuhl, reckt sich, patscht mit der Handfläche auf ein Puzzle- teil und gluckst vor Freude. Draußen bellen die Hunde, Traktoren rollen über die Felder. Die Heuernte hat begonnen. Der Kindergarten hat diese Woche Sommerferien, Katharina geht trotzdem arbeiten. Die fünfjährige Elisabet und der zweijährige Baltasar bleiben bei ihrer Großmutter auf dem Bauernhof. Sie spielen mit den Pferden, wühlen im frisch gemähten Gras, klettern auf die Strickleiter, die ihr Vater am stärksten Ast des Vogelbeerbaums befestigt hat. Katharina fährt in die Bibliothek, sie ist die Chefin dort.

Für die Vereinbarkeit auswandern

Als sie beschloss, nach Island auszuwandern, war Katharina 26 Jahre alt und schwanger mit Elisabet. Sie wohnte in Freiburg, zusammen mit Gymmi, ihrem isländischen Freund, dem Vater von Elisabet. Das Studium, Englisch und Geschichte, hatte sie fast geschafft. Als die deutschen Freunde ihren Babybauch sahen, sagten sie: Schade! Der erste Job zum Greifen nah – und jetzt ein Kind. Die isländischen Freunde aber feierten ein Fest. "Thetta redast", sagten sie, wird schon klappen! Katharina kam ins Grübeln. Sie ging zum Arbeitsamt und fragte, was sie als junge Mutter ohne vorherige Festanstellung erwarten würde. Man beriet sie nicht, wie sie sich später auf einen Job bewerben könnte, man reichte ihr einen Hartz-IV-Antrag. Sie ging zur Lokalzeitung, bei der sie damals jobbte, und sagte ihrem Chef, dass sie ein Kind erwarte. Der sagte: Frauen mit Kindern können sich nicht vernünftig auf den Job konzentrieren. Sie fragte befreundete Eltern, ob es leicht sei, einen Krippenplatz zu finden. Die sagten: eher schwer.

Im siebten Monat ihrer Schwangerschaft packte Katharina Schneider, die den Freiburger Wochenmarkt liebte, die Buchläden und die badische Sonne, ihre Sachen und wanderte aus. Nach Blönduos, wo Gymmis Familie wohnt, einer kleinen Stadt im Norden Islands, in der es kaum Geschäfte gibt und im Winter nicht viel Sonnenlicht. Thetta redast. Wird schon klappen.

Wenig später kommt Elisabet zur Welt, 3.600 Gramm, 51 Zentimeter, Kaiserschnitt, Gymmi steht mit am Bett im Krankenhaus. Ihre Tochter ist keine sechs Monate alt, da fängt Katharina an zu arbeiten. Sie wird Leiterin der Bibliothek und des kleinen Stadtmuseums. Elisabet geht in den Kindergarten, so wie 90 Prozent aller Kleinkinder in Island. Gymmi eröffnet eine Elektrowerkstatt und hilft seiner Mutter auf dem Hof. Drei Jahre später kommt Baltasar zur Welt. Gymmi geht in Elternzeit, Katharina arbeitet.

 Ein Land so groß wie Bielefeld

Island ist ein kleines Land und schon deshalb mit Deutschland schwer vergleichbar. Es hat 300.000 Einwohner, so viele wie Bielefeld. Das Land ist so klein, dass man fast jeden, die Großeltern zum Beispiel, die ab und zu die Kinder hüten, in gut drei Stunden Autofahrt erreichen kann. Trotzdem taugt es als eine Art Versuchslabor. Weil sich hier im Kleinen beobachten lässt, wie Gleichberechtigung ermöglicht werden kann. Durch Gesetze zum Beispiel, mit denen sich Gewohnheiten verändern lassen.

Das isländische Elternzeitgesetz, 2003 erlassen, soll Männer und Frauen nicht nur unterstützen, es soll sie gleichmachen – gleich unzuverlässig. Deshalb dürfen Väter ihren Anspruch auf Elterngeld nicht auf die Mütter übertragen. Sie müssen selbst zu Hause bleiben, oder das Geld ist weg. Die meisten Väter machen deshalb eine ähnlich lange Karrierepause wie die Mütter. Insgesamt ist die Elternzeit kürzer als in Deutschland, aber sie wird gleichmäßiger verteilt.

"Wenn ein Arbeitgeber eine junge Frau nicht einstellen will, weil er fürchtet, dass sie schwanger werden könnte und lange fehlt, dann müssen wir dafür sorgen, dass auch die Männer zum Risikofaktor werden", sagt Katrin Juliusdottir. Sie ist 37 Jahre alt und Wirtschaftsministerin von Island. Im Februar hat sie Zwillinge bekommen, jetzt sind sie und ihr Mann selbst in Elternzeit. Kurz vor der Geburt hat Juliusdottir noch am neuen Energieplan des Landes gearbeitet – Island will sich vom Erdöl lösen und mehr Energie aus seinen Vulkanen gewinnen. Es ist eins der wichtigsten Projekte des Landes, zu vergleichen mit der Energiewende in Deutschland. Doch statt im Ministerium zu sitzen, kümmert sich Juliusdottir jetzt um ihre Babys. Wenn sie zurück ins Amt geht, übernimmt ihr Mann die Betreuung der Kinder.

Juliusdottir stillt öffentlich, sie greift sich vor Reportern ins Dekolleté, öffnet den BH und schwärmt davon, wie schön es sei, sich statt der Politik dem Rhythmus ihrer Babys hinzugeben. Als die deutsche Familienministerin Kristina Schröder während ihrer Amtszeit ein Kind bekam, immerhin als erste Bundesministerin überhaupt, machte sie ein Geheimnis aus ihrem Familienleben. Mit aller Kraft schien sie vermeiden zu wollen, zur Mutter der Nation zu werden. Juliusdottir dagegen sagt: "Mein Mann und ich, wir wollen ein gutes Beispiel sein." Heute nehmen neun von zehn isländischen Vätern Elternzeit, viele selbst dann, wenn sie mit der Mutter des Kindes nicht mehr zusammen sind und eine neue Freundin haben.

In den Cafés in Reykjavík, dort, wo die Hipster ihren Macchiato trinken, sitzen bärtige Papas mit Wickeltaschen, in einer Hand die Wired, in der anderen den Sabberlatz. Väter, die Wiegenlieder singen, Väter, die sich mit anderen Vätern treffen. Sie sind Grafiker, Wissenschaftler und Künstler. Aber auch: Bauarbeiter, Ingenieure und Klempner. "Die Zeit, die wir mit unseren Kindern verbringen, macht uns zu einer neuen Generation von Männern", sagt Grimar Jonsson, 36, Filmemacher aus Reykjavík. Jonsson hütet sein Baby, er macht die Wäsche und kocht, während seine Frau im Hörsaal sitzt und studiert. Vor dreißig Jahren noch, sagt er, wäre das undenkbar gewesen. Heute ist Grimar Jonsson in Island kein Exot mit einem außergewöhnlichen Lebensmodell, er ist ein Vater unter vielen. Bei der Feuerwehr von Reykjavík gab es vor einigen Jahren Personalengpässe, weil so viele Feuerwehrmänner gleichzeitig Elternzeit nahmen. Katrin Juliusdottir, die Mutter und Ministerin, sagt: "Die Arbeitgeber in Island haben es langsam verstanden: Nicht nur Frauen kriegen Kinder, sondern auch Männer."

Auch Männer kriegen Kinder

Juliusdottir ist noch ein Mädchen, es ist das Jahr 1980, als in Island zum ersten Mal eine Frau das Präsidentenamt erlangt: Vigdis Finnbogadottir, die alle hier nur Vigdis nennen, die erste demokratisch gewählte Staatspräsidentin der Welt. Heute wird sie verehrt, damals wurde sie beschimpft: Eine Frau und eine geschiedene noch dazu, eine alleinerziehende Mutter mit adoptiertem Kind, all das sei eine "Erniedrigung" für Island, so sahen das vor allem die konservativen Männer im Land. "Manchmal habe ich vor Wut so doll auf den Tisch gehauen, dass ich danach tagelang keinem die Hand schütteln konnte", sagt Vigdis heute. Sie sitzt in ihrer schlichten grauen Villa nahe der Uni, ein warmes Wohnzimmer mit Bücherwänden und Klavier, sie sieht jünger aus als 84 in ihrem hellen Hosenanzug. Drei Mal wurde sie als Präsidentin wiedergewählt, sie blieb bis 1996 im Amt. Während dieser Zeit erstarkte die Frauenallianz, die einzige Frauenpartei der Welt, die es in ein nationales Parlament geschafft hat. "Helmut Schmidt von Island" hat eine deutsche Journalistin Vigdis einmal genannt. Vor ein paar Jahren wählten die Isländer sie zur bedeutendsten politischen Persönlichkeit des Landes.

Vielleicht sind isländische Frauen auch deshalb so selbstbewusst: weil sie eine Identifikationsfigur haben, die mehrheitsfähiger ist als Alice Schwarzer und aufregender als Angela Merkel. Vielleicht stillt die isländische Wirtschaftsministerin deshalb in aller Öffentlichkeit ihre Zwillinge: weil sie weiß, dass Frauen eher nach oben kommen, wenn sie andere Frauen sehen, die ihnen zeigen, dass es geht. "Vielleicht haben wir einfach früher angefangen zu kämpfen", sagt Vigdis und erhebt sich aus ihrem Sessel. Wenn sie läuft, sieht man ihr das Alter an, es wirkt, als seien ihre Glieder steif. Sie kramt ein Foto aus dem Regal und deutet mit dem Finger drauf: "Da irgendwo bin ich." Das Bild zeigt den Frauenstreik von 1975, bei dem in Reykjavík mehr als 25.000 Frauen die Arbeit niederlegten. Während Deutschlands Nachkriegswirtschaft bei der Suche nach neuen Arbeitskräften auf Gastarbeiter setzte und die Frauen zu Hause bei den Kindern blieben, rekrutierte man in Island Hausfrauen für die Fabriken und Büros. Die erkannten, dass sie auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, aber nicht gerecht behandelt wurden. Und streikten für mehr Lohn. Doch so wie der Klassenstreber, der überall eine Eins bekommt, aber in Mathe jedes Mal versagt, bekommt Island, das Land der Gleichberechtigung, ausgerechnet das Lohnproblem bis heute nicht in den Griff. Für dieselbe Arbeit erhält eine Frau noch immer 13 Prozent weniger Geld als ein Mann. "Solange das so bleibt, werde ich jedem einen Vortrag halten, der behauptet, Island sei ein Frauenparadies", sagt Vigdis. Warum bekommen Frauen weniger Geld? "Sie sind kritischer mit sich", sagt Vigdis. Männer hingegen seien selbstbewusster, auch in Lohnverhandlungen.

Frauenquote für Island

Ausgerechnet der Hang zur Selbstkritik könnte den Frauen jetzt zu mehr Macht verhelfen – dank der Bankenkrise. Im Oktober 2008 stand Island vor dem Bankrott, weil ein kleiner Kreis von einflussreichen Bankern so waghalsig pokerte, dass das Finanzsystem des kleinen Landes ins Wanken geriet. Manche Ökonomen machten für die Krise ein Hormon verantwortlich: Testosteron. Der einzige isländische Investmentfonds, der die Krise überlebte, hatte zwei Frauen an der Spitze. Die Banker, die das Land mit riskanten Anlagestrategien ruiniert hatten, waren: Männer.

"Das waren hervorragend ausgebildete Leute", sagt Birna Karadottir, Investmentbankerin aus Reykjavík. "Aber sie waren alle gleich: männlich, weiß, extrem risikobereit." Dabei zeigen Studien, dass Firmen, die nicht nur Männer fördern, auf lange Sicht die besseren Geschäfte machen. Sie sei keine Feministin, sagt Karadottir. Aber furchtbar wütend. Wenn männliche Kollegen mit den besonders guten Kunden zum Angeln fahren und sie nicht dabeihaben wollen, weil "schöne Frauen die Ehefrauen der Kunden eifersüchtig machen". Wenn sie nach London fliegt, wo Frauen Kinder oder Karriere machen und keiner glaubt, dass sie, die 34-jährige Abteilungsleiterin, am Wochenende mit ihren Söhnen Fußball spielt. Wenn jemand lacht, weil es ihr Mann ist, der die Kinder am Nachmittag aus dem Kindergarten holt.

Von diesem Jahr an gibt es in Island eine Frauenquote. Karadottir ist Bankerin, sie kann sich Schöneres vorstellen als einen Staat, der in die Unternehmen hineinregiert. Aber sie ist überzeugt, dass es nicht anders geht. "Männer rekrutieren Männer, wenn sie immer nur unter Männern sind", sagt sie. Ohne Quote sei das selbst in Island so.

Eine selbstverständliche Gelassenheit

Die Krise, das Elternzeitgesetz, all das könnte das Machtgefälle zwischen isländischen Männern und Frauen in den nächsten Jahren noch stärker ausgleichen. Dass Männer, die ihren Kindern selbst die Windeln gewechselt haben, anders denken, hat Katharina Schneider, die deutsche Mutter, die nach Island zog, an ihrem Chef gemerkt, dem Bürgermeister von Blönduos. Als sie sich bei ihm auf die Stelle als Leiterin der Bücherei bewarb, fragte sie, ob es irgendwelche Probleme gebe, weil sie ein kleines Kind zu Hause habe. Der Bürgermeister verstand die Frage nicht. Die Sache sei ganz einfach: Wenn das Kind nicht in die Krippe will, dann nimmt man es eben mit ins Büro.

Als Katharina abends gegen halb sieben aus der Bibliothek kommt und Gymmi von der Heuernte, purzeln Elisabet und Baltasar über ihr Trampolin. "Guck mal, ich fliege!", quiekt Elisabet, hüpft ins Sprungtuch und zieht die Knie ganz nah an die Brust. Katharina breitet eine Decke im Garten aus, schneidet Brot und Tomaten, füllt Erdbeerjoghurt in blaue Plastikschüsseln. Baltasar schmiert sich den Joghurt ins Gesicht und grinst. Dann sitzen sie im Abendlicht und essen, hinter ihnen liegt der Hof, 40 Quadratkilometer Land, 70 Pferde, 500 Schafe, die Weiden größer, als man gucken kann. Es duftet nach Vogelbeerblüten, durch die Hügel schneidet sich, vom Hochland kommend, der Gletscherfluss Balda, an den Nordflanken der Berge hängt noch der Schnee. Elisabet schaut nach Westen, wo die Sonne rot über dem Horizont steht und bis Mitternacht nicht untergehen wird.

Katharina vermisst immer noch die Buchläden in Freiburg und besonders im Winter auch die badische Sonne. Aber in Island hat sie etwas gefunden, was es in ihrer Heimat nicht gab, eine selbstverständliche Gelassenheit: Kinder haben, Chefin sein, damit fällt hier niemand auf. "Das eintauschen gegen eine Sozialwohnung in Freiburg?", fragt sie. "Beim besten Willen nicht."