Ausgerechnet der Hang zur Selbstkritik könnte den Frauen jetzt zu mehr Macht verhelfen – dank der Bankenkrise. Im Oktober 2008 stand Island vor dem Bankrott, weil ein kleiner Kreis von einflussreichen Bankern so waghalsig pokerte, dass das Finanzsystem des kleinen Landes ins Wanken geriet. Manche Ökonomen machten für die Krise ein Hormon verantwortlich: Testosteron. Der einzige isländische Investmentfonds, der die Krise überlebte, hatte zwei Frauen an der Spitze. Die Banker, die das Land mit riskanten Anlagestrategien ruiniert hatten, waren: Männer.

»Das waren hervorragend ausgebildete Leute«, sagt Birna Karadottir, Investmentbankerin aus Reykjavík. »Aber sie waren alle gleich: männlich, weiß, extrem risikobereit.« Dabei zeigen Studien, dass Firmen, die nicht nur Männer fördern, auf lange Sicht die besseren Geschäfte machen. Sie sei keine Feministin, sagt Karadottir. Aber furchtbar wütend. Wenn männliche Kollegen mit den besonders guten Kunden zum Angeln fahren und sie nicht dabeihaben wollen, weil »schöne Frauen die Ehefrauen der Kunden eifersüchtig machen«. Wenn sie nach London fliegt, wo Frauen Kinder oder Karriere machen und keiner glaubt, dass sie, die 34-jährige Abteilungsleiterin, am Wochenende mit ihren Söhnen Fußball spielt. Wenn jemand lacht, weil es ihr Mann ist, der die Kinder am Nachmittag aus dem Kindergarten holt.

Von diesem Jahr an gibt es in Island eine Frauenquote. Karadottir ist Bankerin, sie kann sich Schöneres vorstellen als einen Staat, der in die Unternehmen hineinregiert. Aber sie ist überzeugt, dass es nicht anders geht. »Männer rekrutieren Männer, wenn sie immer nur unter Männern sind«, sagt sie. Ohne Quote sei das selbst in Island so.

Eine selbstverständliche Gelassenheit

Die Krise, das Elternzeitgesetz, all das könnte das Machtgefälle zwischen isländischen Männern und Frauen in den nächsten Jahren noch stärker ausgleichen. Dass Männer, die ihren Kindern selbst die Windeln gewechselt haben, anders denken, hat Katharina Schneider, die deutsche Mutter, die nach Island zog, an ihrem Chef gemerkt, dem Bürgermeister von Blönduos. Als sie sich bei ihm auf die Stelle als Leiterin der Bücherei bewarb, fragte sie, ob es irgendwelche Probleme gebe, weil sie ein kleines Kind zu Hause habe. Der Bürgermeister verstand die Frage nicht. Die Sache sei ganz einfach: Wenn das Kind nicht in die Krippe will, dann nimmt man es eben mit ins Büro.

Als Katharina abends gegen halb sieben aus der Bibliothek kommt und Gymmi von der Heuernte, purzeln Elisabet und Baltasar über ihr Trampolin. »Guck mal, ich fliege!«, quiekt Elisabet, hüpft ins Sprungtuch und zieht die Knie ganz nah an die Brust. Katharina breitet eine Decke im Garten aus, schneidet Brot und Tomaten, füllt Erdbeerjoghurt in blaue Plastikschüsseln. Baltasar schmiert sich den Joghurt ins Gesicht und grinst. Dann sitzen sie im Abendlicht und essen, hinter ihnen liegt der Hof, 40 Quadratkilometer Land, 70 Pferde, 500 Schafe, die Weiden größer, als man gucken kann. Es duftet nach Vogelbeerblüten, durch die Hügel schneidet sich, vom Hochland kommend, der Gletscherfluss Balda, an den Nordflanken der Berge hängt noch der Schnee. Elisabet schaut nach Westen, wo die Sonne rot über dem Horizont steht und bis Mitternacht nicht untergehen wird.

Katharina vermisst immer noch die Buchläden in Freiburg und besonders im Winter auch die badische Sonne. Aber in Island hat sie etwas gefunden, was es in ihrer Heimat nicht gab, eine selbstverständliche Gelassenheit: Kinder haben, Chefin sein, damit fällt hier niemand auf. »Das eintauschen gegen eine Sozialwohnung in Freiburg?«, fragt sie. »Beim besten Willen nicht.«