Morgens um acht Uhr steige ich in das Flugzeug, mit dem ich in die Tiefe stürzen werde. Danach wird es wieder steil nach oben schießen und ein zweites Mal hinunterrasen. Und ein drittes, viertes, fünftes Mal. In den nächsten zwei Stunden erwarten mich 31 Aufstiege und Abstürze nacheinander. Die enorme Beschleunigung bewirkt, dass alle Passagiere fast doppelt so schwer sind wie auf dem Erdboden. Doch wenn das Flugzeug kurz darauf in Richtung Erde fällt, werden wir gewichtslos, weil es keinen Kraftunterschied mehr gibt, der die Luft oben und die Menschen unten hält. Im Flugzeug herrscht 22 Sekunden lang Schwerelosigkeit. Ich kann schwerelos experimentieren – und Daten für das Forschungsprojekt meines Professors sammeln.

Meine Kollegen und ich haben 49 Aquarien mit Buntbarschen im Flugzeug aufgebaut. Wir wollen herausfinden, wie die Fische reagieren, wenn sie nicht mehr zwischen oben und unten unterscheiden können. Bei Fischen und Menschen ähneln sich die Innenohrsteine, die für den Orientierungssinn wichtig sind. Ich hoffe, dass man mit unseren Daten irgendwann Gleichgewichtsprobleme, zum Beispiel bei Seekranken, besser erklären kann.

Wenn mir aber selbst schlecht wird, bin ich zwei Stunden lang in diesem Flugzeug gefangen, das noch nicht mal eine Toilette hat. Es könnte auch die Kamera kaputtgehen, mit der wir alles filmen wollen. Oder eines der Aquarien. Dann müssten wir das Experiment sofort abbrechen, weil kein Wasser austreten darf. Es würde danach Monate dauern, bis wir weiterforschen könnten, weil es schwer ist, einen Platz in einem dieser Flüge zu bekommen. Ein letztes Mal vor dem Abflug überprüfe ich den Akku der Kamera.

Um neun Uhr heben wir ab. Bis auf meinen blauen Overall fühlt sich alles an wie bei einem Linienflug. Dann kommt die Ansage: "Erster Durchgang in zehn Minuten." Ich lege mich neben meine Aquarien auf den gepolsterten Boden. Das soll verhindern, dass mir schlecht wird, wenn das Flugzeug steil in die Höhe steigt. Wie bei einer Achterbahnfahrt vor dem Looping wird mein Körper mehr und mehr in die Polsterung gedrückt, bis er doppelt so schwer ist wie auf der Erde. Über die Lautsprecher läuft ein Countdown. Dann werde ich auf einen Schlag ganz leicht. Mein Körper hebt vom Boden ab und fängt an zu schweben. Das fühlt sich ein bisschen wie unter Wasser an, aber doch ganz anders. Ein unbeschreiblich tolles Gefühl. Zum Genießen habe ich keine Zeit. Ich klammere mich an den Haltegurten fest, damit ich nicht wegschwebe, und kreuze in meinem Protokoll an, welche Fische sich auffällig verhalten. Dann sind die 22 Sekunden auch schon vorbei, und mein Körper plumpst auf den Boden zurück. Die erste Schwerelosigkeitsphase habe ich gut überstanden.

Kurz darauf steigt das Flugzeug wieder in die Höhe. Außer mir sind noch andere Forscher an Bord. Einige machen Liegestütze, um auszuprobieren, wie anstrengend das ist, wenn sich das Körpergewicht verändert. Ich bin lieber vorsichtig und lege mich hin. Bis ich wieder zu schweben beginne.

Nach den ersten fünf Phasen gibt es eine kurze Pause, in der das Flugzeug parallel zum Boden fliegt. Das Gefühl der Schwerelosigkeit hat mich euphorisiert. Auch andere Wissenschaftler haben ein Dauergrinsen im Gesicht. "Der sechste Durchgang folgt in zwei Minuten", höre ich aus den Lautsprechern. Es geht weiter.

Erst schwimmen viele Fische nach Verlust der Schwerkraft Loopings, dann immer weniger. Sie haben sich an die Schwerelosigkeit angepasst. Später werde ich sie töten müssen, um zu untersuchen, wie sich die Innenohrsteinchen der "angepassten" Fische von denen der "unangepassten" unterscheiden. Damit wir für die nächsten drei Flüge, die wir morgen und übermorgen machen, genügend Fische haben, mussten wir mit einem Transporter anreisen und eine Ferienwohnung mieten. Hotels haben nicht gern 200 Buntbarsche im Badezimmer.

Gegen elf Uhr ist alles vorbei. Das Flugzeug senkt sich ein letztes Mal, zum Landeanflug. Als ich aussteige, erwarten mich mein Professor und ein Kommilitone. Ich bin müde, würde aber am liebsten gleich noch mal fliegen. Ich habe Glück: Weil heute mein Geburtstag ist, bietet mir mein Professor an, morgen auch den zweiten Flug mitzumachen. Aber erst kaufen wir eine Torte und stoßen an – allerdings nur ein bisschen, damit mir morgen nicht doch noch schlecht wird.