Das Fernsehen zeigt täglich Bilder der Gewalt – aber in keinem Medium kommt uns der Krieg so nahe wie auf Facebook. Protokoll einer Überforderung.

Es ist der 15. November 2012, 22.23 Uhr, als der Krieg zu mir nach Hause kommt. Er steckt in dem kurzen Satz eines Status-Updates auf Facebook – zwischen Werbeanzeigen, Veranstaltungseinladungen und Fotos, die meine Freunde von ihrem Abendessen gemacht haben. "The sound of bombing is everywhere!", schreibt Amira.

Amira ist 31 Jahre alt, Übersetzerin, Mutter von zwei Kindern und einer meiner 436 Facebook-Freunde, ebenso wie Oren, 27 Jahre alt, Musikstudent und DJ. Ich kenne die beiden von Reisen in den Nahen Osten, wo ich sie traf, als ich an einem Fotoprojekt arbeitete. Amira ist Palästinenserin, Oren ist Israeli. Sie sind sich noch nie begegnet, doch manchmal liken sie beide die Katzenfotos, die Stefan aus Berlin hochlädt. Heute nicht. Denn Amiras alter PC steht in Gaza-Stadt, und dort detonieren gerade israelische Bomben.

"Fuck", schreibe ich. "How are you?"

Ich denke: Da stehen sie, drei einfache Wörter, die ich schon oft in das Chatfenster getippt habe, eine Frage, deren Antwort meistens ziemlich banal ausfällt.

"Hi. I am at home with Fady and the kids."

"What’s going on? R U safe?"

"Don’t know. Bombs everywhere."

"Any information what’s happening?"

"Guess they are bombing the house of a

hamas leader around the corner."

Danach tippe ich nichts mehr. Nachrichten als Erstes bei Facebook oder Twitter zu lesen ist für mich normal. Krieg auf meiner Pinnwand ist es nicht. Ich bin überfordert.

Mit jeder technischen Innovation kommt der Krieg näher an die Menschen, die selbst nicht an der Front sind: Mir fällt das Bild von Robert Capa ein, der im Spanischen Bürgerkrieg einen Menschen fotografierte, der gerade erschossen wird. Zeitschriften wie Vu und Life druckten Capas Foto und brachten so den Schrecken des Krieges in die Wohnzimmer. Zuvor hatte es im 19. Jahrhundert nur Fotos gegeben, die Soldaten vor dem Kampf zeigten oder Schlachtfelder danach: Leichenhaufen bei Gettysburg, Ruinen in Richmond, Folgen des Amerikanischen Bürgerkriegs.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Im Zweiten Weltkrieg berichtete dann Edward Murrow aus London, während deutsche Bomben auf die Stadt fielen. Seine amerikanischen Zuhörer folgten ihm vor den Radiogeräten, im Hintergrund dröhnten Sirenen. Während des Vietnamkriegs kamen bereits bunte Fernsehbilder von der Front nach Hause. Und als nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 die Türme des World Trade Centers in New York einstürzten, sahen unzählige Menschen live im Fernsehen dabei zu. Alle diese Fälle hatten gemeinsam, dass Journalisten bestimmten, welches Schicksal gesehen und welches ungesehen blieb, welche Stimmen gehört und welche überhört wurden. Viele Kriege waren noch immer unsichtbar und die Opfer verborgen. Durch Blogs und Soziale Netzwerke änderte sich das, zumindest ein bisschen. Bei den Aufständen in Tunesien und Ägypten waren es Privatleute, die die Welt mit Bildern und Nachrichten versorgten, auf YouTube, Facebook und Twitter. Auch im Syrienkrieg sind es Rebellen und Zivilisten, die sich an den zensierten Staatsmedien vorbei eine Stimme gaben. Subjektiv, aber hörbar.