Als das Kölner Stadtarchiv eingestürzt ist, standen meinen Kollegen und mir die Tränen in den Augen. Wir waren schockiert. Es gab Tote. Solche Sachen gehen an Polizisten nicht spurlos vorbei. Wir haben unsere Gefühle nicht zurückgehalten, aber trotzdem unsere Arbeit getan. Auch wenn wir bei einem Kindstod ermitteln oder zum Schauplatz eines Verkehrsunfalls fahren, sehen wir fürchterliche Bilder. Ich umarme schon mal die Betroffenen oder signalisiere ihnen mit einer Berührung am Arm, dass ich mitfühle.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Früher waren die härteren Kollegen bei der Polizei vielleicht erfolgreicher. "Indianer kriesche nit" war das kölsche Motto. Das bedeutet sinngemäß: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz." Heute wissen wir, dass es manchmal besser ist, Gefühle zu zeigen. Natürlich muss ich trotzdem konzentriert weiterarbeiten können. Doch mit Mitgefühl für die Hinterbliebenen kommen wir oft weiter, als wenn wir alles kühl und sachlich regeln.

Langsam spricht sich das herum, denn ich habe auch schon Männer in höheren Positionen gemeinsam mit Bürgern auf offener Straße lachen gehört oder weinen gesehen. Es ist wichtig, das nicht immer zu unterdrücken. Sonst machen wir uns die Arbeit schwer und sind anfälliger für psychische Krankheiten.

Ein Gefühl, das wir nicht zeigen dürfen, ist Wut. Erhitzte Fußballfans oder Demonstranten beschimpfen uns manchmal ganz übel. Es ist dann nicht leicht, die Wut zurückzuhalten. Trotzdem: Die meinen ja nicht mich, Martina Kaiser, deshalb darf ich das nicht persönlich nehmen. Es ist gefährlich, Wut zu zeigen, weil eine angespannte Situation dadurch eskalieren kann. Das lernen wir schon in der Polizeiausbildung, und darüber spreche ich auch mit meinen Kollegen.

Ich denke, dass wir uns als Polizisten einen emotionalen Schutzpanzer anlegen. Doch in manchen Situationen müssen wir diesen Schutzpanzer auch öffnen.