2. Die Landtagspolitikerin

Selbst wenn ich nicht in den Bundestag wollte, sondern bloß in ein Stadtparlament oder einen Landtag: Ich wüsste nicht, in welche Partei ich eintreten sollte. Ich habe den Eindruck, alle wollen dasselbe. "Die Parteien unterscheiden sich nicht mehr durch verschiedene ideologische Glaubensbekenntnisse", heißt es in einem Kommentar in der ZEIT. "Dieser Umstand macht das Wählen außerordentlich schwierig." Diese Sätze hat die frühere Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff geschrieben, das war im Jahr 1965. Es klingt so, als seien die deutschen Parteien schon immer enttäuschend gewesen. Warum sollte ich dann heute noch in eine eintreten?

Angela Dorn könnte mir das erklären. Sie ist 31 Jahre alt und Spitzenkandidatin der Grünen für die Landtagswahl in Hessen am 22. September, dem Tag, an dem auch der Bundestag neu gewählt wird. Wir sitzen in einer Eisdiele, und Dorn, eine große, schlanke Frau mit braunen Locken, sagt: "Man muss in die Parlamente gehen, um etwas zu bewegen."

Dorns Karriere begann da, wo viele Politikerkarrieren beginnen: in der Schülervertretung. Später, als Psychologiestudentin, trat sie den Grünen bei und stieg schnell auf. Ein Jahr lang arbeitete sie in einer forensischen Psychiatrie. Dann kündigte sie, um Berufspolitikerin zu werden. Zusammen mit anderen habe sie in Hessen die Studiengebühren verhindert, sagt sie. Und durchgesetzt, dass Fracking in Nordhessen vor dem Aus stehe. Keine schlechte Bilanz mit 31 Jahren.

Mir fällt auf, dass sich die Sprache von Angela Dorn ändert, wenn sie über ihre Arbeit im Parlament spricht. Sie benutzt dann Wendungen wie "Verantwortung tragen", "Kompromisse machen" oder "Lösungen finden". Als ich sie darauf anspreche, sagt Dorn, sie habe Sorge, dass viele Leute Politiker deshalb als Comicfiguren mit leeren Sprechblasen sehen. Früher, als sie ihre ersten Reden hielt, hätten Zeitungen sie nie zitiert. "Ich habe mich zu kompliziert ausgedrückt", sagt Dorn. Deshalb habe sie sich diese Sätze angewöhnt, die bekannten Phrasen, eben den "Politikersprech". Als ich mich von Angela Dorn verabschiede und die Eisdiele verlasse, weiß ich: Ich will nicht so sprechen müssen.

3. Die Demo

Raketen schießen in den Himmel, als wir losrennen. "Haben die noch was vor?", ruft neben mir ein Jugendlicher, dessen Gesicht ich nicht erkennen kann. Alle um mich herum tragen schwarze Kapuzenpullis, schwarze Schals und dunkle Sonnenbrillen. Ich bin im Hamburger Schanzenviertel, unweit der Roten Flora, eines der letzten besetzten Häuser der Stadt, und demonstriere. Ich will herausfinden, was ich erreiche, wenn ich mit Hunderten anderen unterwegs bin, alle mit demselben Ziel. Ins Parlament will ich nicht, vielleicht sollte ich auf die Straße gehen?

Die Demo hat mir die Polizei empfohlen. Vor ein paar Tagen habe ich dort angerufen und nach den nächsten angemeldeten Demonstrationen gefragt. Es stand eine Demo gegen "neoliberale Stadtentwicklung" an, für "Halterkunde statt Rassenliste" und für "Solidarität mit den Griechen". Den Griechen geht es schlecht, Zehntausende verlieren ihre Jobs. Zwei Drittel der jungen Griechen sind arbeitslos, die Krankenhäuser können ihre Patienten nicht mehr versorgen. Es gibt viele Gründe, sich mit ihnen zu solidarisieren. Selbst der Polizeibeamte war dafür. "Das ist doch ein gutes Ziel", sagte er.

Auf einer Demo war ich zum letzten Mal in der elften Klasse. Mit dem ganzen Jahrgang demonstrierten wir vor dem nordrhein-westfälischen Landtag gegen die Kürzungen bei Ersatzschulen. "Hände weg vom Spardiktat" hatte ich auf ein Plakat geschrieben. Wir hatten ein konkretes Ziel und waren erfolgreich: Die Kürzungen blieben aus. Man muss nicht bis nach Tunesien oder Ägypten schauen, um zu erkennen, dass gemeinsame Demonstrationen etwas verändern können. Auch der deutsche Atomausstieg und das Ende der DDR haben mit Demos begonnen.

Doch dieses Mal bin ich mir nicht so sicher, dass unsere Demo etwas verbessern wird. Auf dem Demowagen, der uns anführt, steht: "Solidarity means fighting". Ich laufe mit Demonstranten mit, die "Wir sind gegen die Krise im Allgemeinen und im Speziellen" und "Kapitalismus abschaffen" rufen. Ich denke an die Griechen. Was es ihnen wohl hilft, wenn 1000 Vermummte für die Abschaffung des Wirtschaftssystems demonstrieren? Was soll die Bundesregierung jetzt machen? Selbst wenn wir Angela Merkel überzeugen würden, den Kapitalismus abzuschaffen, ist es mir unmöglich, zu sagen, was danach kommt – und ob das für die Griechen besser wäre. Ich habe den Verdacht, dass es den Leuten, die mich umgeben, eher um sich selbst und ihre eigenen Ziele geht als um die Menschen in Griechenland. Ich bin mitten im schwarzen Block und trage einen beigefarbenen Mantel.