4. Das Internet

J4rkill kommt zehn Minuten zu früh zu unserer Verabredung. Ich sitze in meiner Küche, er ist ungefähr 420 Kilometer von mir entfernt. Wo genau er sich aufhält, verrät er nicht. Wir treffen uns bei Skype. "ich rufe in zehn minuten an!", tippe ich in meinen Laptop, als es klingelt. Ich will mir noch schnell einen Kaffee machen. J4rkill antwortet: "bin da, hab mir extra zeit genommen ^^."

J4rkill ist zwischen 25 und 30 Jahre alt und arbeitet im IT-Bereich. Auf der Arbeit weiß keiner, dass er sich im Internet J4rkill nennt, dass er Netzaktivist ist und aktiv bei Anonymous. Die Mitglieder von Anonymous hacken Firmenserver und legen Websites lahm. Sie kämpfen gegen das Urheberrecht, gegen Zensur und für WikiLeaks. Ihr politisches Engagement findet nicht in Parlamenten statt, sondern vor allem im Internet.

Das Erste, was ich morgens tue, ist, nach meinem Smartphone zu greifen und E-Mails zu checken. Meistens ist es auch das Letzte, kurz vor dem Einschlafen. Im Internet bin ich dauernd. Warum engagiere ich mich nicht einfach dort? Man muss nicht Hacker sein, um bei Anonymous aktiv zu werden, sagt J4rkill. Er zum Beispiel hat das Blog "Anonymous News" gegründet, auf dem er über netzpolitische Themen schreibt.

Vor anderthalb Jahren merkte J4rkill, dass seine Arbeit etwas bringt. An einem Abend im Januar 2012 veröffentlichte er ein Video mit dem Namen Was ist Acta? in seinem Blog und ging ins Bett. In dem Video heißt es, dass Acta, ein internationales Gesetzesvorhaben gegen Raubkopierer und Produktfälscher, schlampig formuliert sei und nur die Macht der Konzerne und Regierungen im Internet steigern würde. Am Morgen hatte das Video 500.000 Klicks. Nach zwei Wochen waren es drei Millionen. 125.000 Deutsche gingen im Februar gegen Acta auf die Straße. Im Sommer lehnte das Europäische Parlament Acta mit großer Mehrheit ab. "Seitdem mache ich erst recht weiter", sagt J4rkill.

Das Internet macht es einfach, politisch zu sein. Auch mit Online-Petitionen kann man sich in die Politik einmischen. Es geht so einfach – und trotzdem habe ich noch nie so eine Petition unterschrieben. Ich sitze vor meinem Computer, starre auf das Skype-Fenster und frage mich, warum das so ist. Vielleicht habe ich ein Problem mit klaren Ja/Nein-Antworten. Vielleicht sind mir die Umfangsformen im Netz zu rüde, wo Hacker das Gesetz brechen und aggressive Kommentatoren Shitstorms lostreten. Vielleicht verlasse ich mich einfach darauf, dass andere, die sich besser mit der Technik auskennen, die Freiheit des Internets verteidigen.

J4rkill ist jeden Tag zwei Stunden lang im Internet Relay Chat von Anonymous, dem Kommunikationsmedium der Bewegung. Dort werden die Themen diskutiert und die Aktionen geplant, über die er in seinem Blog berichtet. Jetzt, im Sommer, will J4rkill sich etwas weniger beteiligen: "Mehr Real Life" will er dann, mit Freunden grillen zum Beispiel. Mir sind frische Luft und meine Freunde auch lieber, als drinnen zu sitzen und mit Unbekannten zu chatten.

5. Die Medien

Tilo Jung ist 27 Jahre alt, Studienabbrecher und Model. Ich kenne ihn aus dem Internet. Jung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Leute wie mich für Politik zu interessieren. Ich will wissen, wie er das macht. Seit März hat Jung eine Interviewserie auf YouTube. Sie heißt "Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte". Zehn Minuten dauert so ein Interview, in dem Jung Politiker, Journalisten und Blogger befragt. Mit Wolfgang Kubicki von der FDP hat er über Lohnuntergrenzen gesprochen, mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht über die Finanzkrise. Er duzt seine Gesprächspartner und stellt einfache Fragen: Was ist Einlagenschutz? Was ist Kapitalflucht? Was heißt Sozialabbau?

Zu unserem Treffen in Berlin kommt Tilo Jung mit seinem Fixie, er trägt enge Jeans, und die James-Dean-Frisur sitzt. Ich frage ihn, wen er mit den "Desinteressierten" meine, für die er seine Sendung macht. "Leute wie uns", sagt er, "die nach der Schule sofort mit dem Studium anfangen und danach mit dem Job. Leute, die keine Zeit haben, sich nebenbei mit Politik zu beschäftigen." Ich fühle mich ertappt. Auch ich finde, dass ich schon genug zu tun habe. Wie kann man dagegen etwas machen? Tilo Jung sagt: "Politik wird schlecht vermittelt, deshalb ist die Hürde zu hoch, sich zu interessieren."

Ich erinnere mich daran, dass ich früher lieber Hausaufgaben gemacht habe, als mit meinen Eltern vor dem Fernseher zu sitzen und die Tagesschau zu gucken. Ich fand die Nachrichten langweilig. Heute habe ich gar keinen Fernseher. Ich gehöre zu den 96 Prozent meiner Altersgruppe, die keine politischen Talkshows schauen, und, wenn ich ehrlich bin, gelegentlich auch zu den etwa 70 Prozent aller Deutschen, die laut der aktuellen Nichtwähler-Studie des Meinungsforschungsinstitutes Forsa nicht verstehen, was Politiker sagen. Bringt Tilo Jung mir die Politik näher als die Tagesschau oder Günther Jauch? Emotionalisieren ist eine gute Idee, Tilo Jung schießt über das Ziel hinaus. Als Wagenknecht im Interview sagt, dass sie mit Oskar Lafontaine zusammen ist, fragt Tilo Jung: "Wusst ich gar nicht. Große Liebe und so?" Und sie: "Ja, so kann man’s schon sagen."