6. Die Nachbarschaft

21.15 Uhr, Edeka in der Osterstraße, Hamburg-Eimsbüttel. Jetzt bin ich ganz nah. Da, wo Politik konkret wird, in dem Viertel, in dem ich lebe. Chris Heinze, 24, räumt Kisten auf die Straße: Äpfel, Tomaten, Gurken. Eingeschweißte Leberpastete, Hühnchenschenkel, Plätzchen. Lebensmittel, die die Eimsbütteler heute nicht gekauft haben und die sie auch morgen nicht kaufen werden, weil sie nicht mehr schön aussehen oder abgelaufen sind. Marco Scheffler, 45, steht mit ein paar Leuten vor dem Edeka und nimmt die Kisten an. "Weniger als sonst", sagt er. Heinze, Azubi bei Edeka, sagt: "Wir hatten heute Mittag schon eine Fuhre." Es war seine Idee, die Lebensmittel zu spenden, die Scheffler und seine Mitstreiter jetzt in einen Park tragen. Und da stehen sie schon und warten: Alte, Obdachlose, ein Student, zwölf, fünfzehn Leute. Sie drängeln sich um die Kisten, jeder will. Scheffler ruft: "Hey, ruhig, ist doch genug da!" Innerhalb von drei Minuten sind die Kisten leer.

Schefflers Mission ist es, das Leben in unserem Viertel ein bisschen gerechter zu machen. Im Winter hatte er vor seinem Haus eine Tauschbörse eingerichtet: Eimsbütteler konnten dahin ihre Klamotten bringen und andere dafür mitnehmen. Bis seine Hausverwaltung mit der Kündigung drohte. Jetzt will er die Tauschbörse in den Park verlegen. Keine große Sache, könnte man meinen. Schlimmstenfalls wird die Wiese unter dem Zelt braun. Aber das Bezirksamt sieht das anders. Sein Antrag wurde abgelehnt, zweimal legte er Widerspruch ein, ebenfalls ohne Erfolg.

Manche nennen das soziales Engagement, für Marco Scheffler ist es Politik. Er setzt sich gegen den Überfluss ein. Er packt an. Direkter geht Politik nicht, das beeindruckt mich an Scheffler. Gleichzeitig weiß ich: Eigentlich müsste es Abgeordnete in den Parlamenten geben, die verhindern, dass Leute Hunger haben müssen. Das hat auch Scheffler erkannt. Ausgerechnet er, der mit den Behörden seiner Stadt ständig aneinandergerät, will im September für Eimsbüttel in den Bundestag einziehen. Als parteiloser Direktkandidat. Schefflers Wahlslogan heißt: "Mensch macht Politik". Er glaubt, dass die Wähler ihre Abgeordneten kennen wollen, und zwar nicht nur vom Plakat. "Es ist wichtig, dass sie sehen: Der macht was für uns." Ich kann mir vorstellen, Scheffler zu wählen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen. © ZEIT CAMPUS

Und am Ende? Ich habe lange gedacht, die Älteren und die Jugendforscher lägen richtig, wenn sie sagen, wir Jüngeren seien unpolitisch. Jetzt denke ich: Sie haben recht und gleichzeitig unrecht. Es stimmt, dass ich Bundestagsdebatten langweilig finde. Dass mich die Demos der Kapitalismuskritiker nicht überzeugen. Dass ich ständig online bin, aber nicht weiß, ob ich ein Gesetz wie Acta fürchterlich finde oder ganz in Ordnung. Vielleicht liegt es daran, dass es mir gut geht. Ich habe Freunde, einen tollen Job, ich habe genug Geld. Mit Politikverdrossenheit hat das aber nichts zu tun.

Vielleicht haben die Leute, die versuchen, unser politisches Bewusstsein zu erforschen, ein zu starres Bild von Politik. Für sie ist Politik Parteipolitik und Wettbewerb. Sie haben Schablonen, die nicht gut auf uns passen. Ich finde es unangenehm, dass es bei dieser Form von Politik – in den Parlamenten, auf der Straße, im Internet – oft nur um Machtkämpfe geht. Ich glaube, dass das viele andere auch so sehen. Ohne Macht geht Politik nicht. Einige von uns probieren aber neue Formen des politischen Engagements aus. Ich denke an die #Aufschrei-Debatte. Die Diskussionen in meinem Bekanntenkreis haben binnen weniger Tage viel bewirkt. Nicht nur Gesetze helfen gegen den alltäglichen Sexismus, sondern auch Tweets und Gespräche, die ein Bewusstsein für das Problem schaffen. Politik findet eben auch da statt, wo die Jugendforscher nicht hinschauen.