Das letzte Mal, dass ich meinen Track auflegte und fast niemand mitsang, war Silvester 2011. One Day hatte ich zwei Wochen zuvor ins Netz gestellt. Jetzt spielte ich ihn in einem Club in Berlin, und die Einzigen, die darauf abfeierten, waren meine Freunde. Wenn ich One Day heute auflege, singen mehr Leute mit. Hunderte. Manchmal Tausende. In Clubs auf Ibiza und in Dubai. Auf Festivals wie dem Melt oder dem Sonar. Ich habe Szenen wie auf Rockkonzerten erlebt: Leute, die ausrasten, rumhüpfen, zum DJ-Pult kommen und "Ich liebe dich!" rufen, als wäre ich Keith Richards. Dabei ist One Day bloß ein Remix, den ich zum Spaß gemacht habe.

Mit dem Produzieren habe ich in Göttingen angefangen, parallel zum Philosophiestudium. Ich legte bereits einige Jahre House und Techno auf, auf Privatpartys und in kleinen Clubs, unter meinem DJ-Namen Wankelmut. Ein Mitbewohner meiner 13er-WG schleppte das Album des Songwriters Asaf Avidan an. Dessen Reckoning Song hat mich umgehauen. Er besteht nur aus Gitarre und Gesang, ist aber ein krasser Ohrwurm. Im Sommer war ich mit Freunden auf einem Roadtrip. Immer wenn ich am Steuer saß, spielte ich diesen Song. Da packe ich einen Beat drunter, dachte ich, dann ist das perfekt für das Ende meiner Sets.

Also habe ich meinen Laptop genommen, mein 99-Euro-Keyboard und meine DJ-Kopfhörer, habe bei Ableton ein Drumkit reingeladen, den Sound optimiert und das Ganze unter den Song gekickt. Wenn’s hochkommt, habe ich sechs Nächte an dem Remix gearbeitet, irgendwo zwischen Tür und Angel, weil ich inzwischen an die FU Berlin gewechselt war, noch keine Wohnung hatte und abwechselnd bei Freunden übernachtete.

Damals hatte ich vielleicht 200 Followers auf SoundCloud, einer Website, die wie YouTube funktioniert, bloß für Musik statt für Videos. Ich war nicht der Mega-Geheimtipp, von dem die Leute tuschelten: "Der wird mal was!" Im Gegenteil: Ich habe hobbymäßig aufgelegt. Einige Leute mochten meinen Sound. Dabei bleibt es, dachte ich. Eine perfektionische Ader habe ich nicht. Wenn mir etwas gefällt, das ich produziert habe, stelle ich es ins Netz. So habe ich es auch mit One Day gemacht. Am 16. Dezember klickte ich auf Upload.

Dann ging der Track durch die Decke: Erst hatte One Day mehr Plays als meine anderen Tracks zusammen. Dann war es der drittmeistgespielte Track auf SoundCloud. Als Nächstes stellte ihn jemand auf YouTube, wo er hunderttausendfach abgerufen wurde.

Viel mitbekommen habe ich nicht davon, weil ich im Januar und Februar mit einer Hausarbeit beschäftigt war. Ich habe über Descartes’ "Cogito ergo sum" geschrieben. Ich denke, also bin ich – der Satz ist formal nicht logisch, ich wollte nachweisen, dass er aber intuitiv logisch ist. Philosophische Kleinkackerei, trotzdem habe ich in der Zeit kaum über anderes nachgedacht. Im März meldete sich ein Freund bei mir. Er war in einem Club in Tokio, in dem der DJ One Day spielte. Ich dachte: Am anderen Ende der Welt spielt jemand meinen Track? Was ist los, Alter? Was zur Hölle passiert da? Dann kamen auch E-Mails von Labels, die den Track richtig veröffentlichen wollten, als Download und auf Vinyl.

Das Problem war nur: Asaf Avidan hatte ich nie gefragt, ob ich seinen Song verwenden darf. Für ein offizielles Release brauchte ich die Rechte, und die lagen bei Sony. Ein Manager regelte das für mich. Ein paar Wochen später unterschrieb ich den Vertrag mit der Plattenfirma Four Music, die zu Sony gehört. Das Label fragte, ob ich nicht für ein ganzes Album unterschreiben wolle. Wollte ich nicht. Ich wollte frei bleiben, weiter auflegen. Interviews, Fotoshootings, die übliche Promotion für One Day habe ich mitgemacht. Ansonsten habe ich mich aus allem rausgehalten. Leider, finde ich heute, denn das Musikvideo ärgert mich, weil es so auf Berlin-Hipster macht.

Die Single verkaufte sich gut. Im Juli dachten wir, Top Ten ist drin. Im August ging One Day auf eins. Das war krass. Höher geht es nicht. Seitdem werde ich als DJ viel öfter gebucht, auch international. Diesen Sommer habe ich komplett durchgerockt. Ich hoffe, dass das 2014 weitergeht. Eine Tour durch Amerika oder Asien wäre fett. An der Uni bin ich nur noch eine Karteileiche, ich werde mich bald exmatrikulieren lassen. Das Philosophiestudium hat mich interessiert. Aber ganz ehrlich: Was ich jetzt mache, hat finanziell die solidere Basis.

Protokoll: Oskar Piegsa