ZEIT Campus: Wie unterscheiden sich Bachelor- und Masterstudium voneinander?

Ortenburger: Der Master setzt immer grundlegende Kenntnisse voraus, auf denen er aufbaut. Zudem hat man im Master viel mehr Freiheiten, sich nach seinen Interessen zu richten, besonders in der Abschlussarbeit, die viel umfangreicher ist als beim Bachelor. Gerade in den Naturwissenschaften bekommt man erst im Master die Gelegenheit, das Wissen aus dem Bachelorstudium auf eigene Projekte und Fragestellungen anzuwenden. Die große Chance bei der Wahl des Masters ist, dass man sich jetzt noch einmal für einen ganz neuen Schwerpunkt entscheiden kann.

ZEIT Campus: Trotzdem wählen viele Bachelorabsolventen vertiefende Programme in der ursprünglichen Fachrichtung.

Ortenburger: Ja, viele Studenten bleiben bei einer Richtung. Das kann daran liegen, dass sie sich wirklich für ihr Fach interessieren. Vielleicht haben einige Studenten auch schlicht die Vorteile dieses zweistufigen Modells noch nicht erkannt. Oder sie trauen sich nicht, mit dem Master eine andere, für sie neue Richtung einzuschlagen.

ZEIT Campus: Ist das zweistufige Modell also gescheitert, weil so viele gleich im Anschluss den Master machen, statt erst praktische Erfahrungen zu sammeln und dann wieder an die Uni zurückzukehren?

Ortenburger: In den vergangenen Jahren hat sich viel getan. Auch die Universitäten bemühen sich jetzt verstärkt um die Integration von Praxisphasen. Den Fachhochschulen ist das von Anfang an besser gelungen. Aber es braucht wohl noch mehr Zeit, bis sich das Modell vollständig etabliert hat. Auf Dauer werden immer mehr Arbeitnehmer bereits mit dem Bachelor Karriere machen. Das spricht sich herum, und die Absolventen wirken als Multiplikatoren.

ZEIT Campus: Viele befürchten, dass sie mit dem Bachelor weniger verdienen und schlechtere Aufstiegs- und Karrierechancen haben. Ist diese Angst berechtigt?

Ortenburger: Masterabsolventen bekommen meist ein höheres Einstiegsgehalt, die Unternehmen honorieren damit die zusätzliche Studienzeit. Nach zwei Berufsjahren können die Bachelorabsolventen die Differenz aber meist ausgleichen, sodass das Geld kein entscheidendes Kriterium mehr sein sollte. Für eine Einschätzung der späteren Berufsentwicklung gibt es noch keine wissenschaftlichen Langzeitstudien. Unternehmensbefragungen haben allerdings ergeben, dass die Aufstiegschancen in vielen Bereichen gleich sind. Nur für Stellen in Forschung und Entwicklung gilt das nicht. Viele Unternehmen ermöglichen ihren Angestellten zudem Fortbildungen und bieten Seminare an. Oder sie unterstützen zu einem späteren Zeitpunkt ein weiterbildendes Studium, wie etwa große Unternehmensberatungen oder internationale Konzerne.

ZEIT Campus: Trotzdem nehmen noch nicht viele Angestellte diese Angebote an.

Ortenburger: Das Prinzip des lebenslangen Lernens wird sich immer mehr durchsetzen. Ein Onlinestudium in der Elternzeit, ein weiterbildender, berufsbegleitender Master mit Mitte 20 – solche Modelle werden an Bedeutung gewinnen. Das zweistufige System funktioniert sicher noch nicht ganz so wie von der Politik geplant. Es wird sich entwickeln, bis sich irgendwann jeder selbstverständlich seine individuelle Berufs- und Bildungsbiografie zusammenstellt. Ein paar pragmatische Überlegungen darf man aber nicht außer Acht lassen: Mit Familie und Hauskredit ist es unter Umständen viel schwieriger, ein Studium zu finanzieren und zu organisieren als mit Anfang 20.