Arme Schlucker – Seite 1

Draußen vor der Tür glimmt ein Joint in der Dunkelheit, drinnen vertickt jemand Tabletten ("You need MDMA?") – die Party in dem Technoclub in Wien kann langsam losgehen. Vor einer mit einer Zeltplane abgehangenen Ecke stehen sechs oder sieben Leute und warten, ein Junge mit Pudelmütze und ein Mädchen mit Pickeln auf der Stirn. Sie reden über schlechte Trips und darüber, was sie sich heute noch einwerfen wollen. Alle zehn, zwölf Minuten öffnet sich die Plane einen Spalt breit, jemand huscht heraus, und der Nächste darf durch, zum kleinen Tisch, auf dem eine Waage, ein Laptop und kleine Plastikröhrchen mit Ecstasy und Speed stehen.

Der Mann hinter dem Tisch stellt Fragen, ein Typ mit kurzen Haaren, schwarzem T-Shirt und tätowierten Unterarmen. "Schluckste oder ziehste?" Die Antworten gibt er in ein Formular in seinem Laptop ein. Substanz: Kokain. Konsumart: nasal. Ein paar Milligramm von dem mitgebrachten Koks behält er da, dankt für die Auskunft und händigt zum Schniefen noch einen der kurzen Schläuche aus, die auf dem Tisch liegen, keimfrei und mit nasensanft abgerundeten Ecken. Dann kommt der Nächste in der Schlange dran.

Der Mann hinter der Zeltplane ist kein Dealer, sondern Mitarbeiter eines Forschungsprojektes. Wer mit Koks oder Tabletten in den Club kommt, kann in der Drogenecke eine Probe davon abgeben. Sie wird in einem Labor anonym und kostenlos untersucht und das Resultat noch heute Nacht im Club ausgehängt. Dann erfährt man, ob die Droge gestreckt oder verunreinigt ist. Das Verfahren heißt Drug-Checking. So geht Drogenprävention in Österreich.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 01/2014. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Wenn heute über Drogen gesprochen wird, herrschen oft noch die alten Vorstellungen von Perspektivlosigkeit, Beschaffungskriminalität und traurigen Existenzen am Rande der Gesellschaft. Dabei ist die Zahl der Drogentoten in Deutschland so niedrig wie seit 1988 nicht mehr: Im vergangenen Jahr starben 944 Menschen. In Europa ist der Konsum von Heroin in mehreren Ländern rückläufig, der von Crack selten. Das zeigt ein Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. Gleichzeitig nehmen viele Leute Tabletten – nicht weil sie süchtig sind, sondern weil sie Spaß haben wollen, ab und zu, in einer Nacht wie heute.

85 Millionen Menschen in der Europäischen Union haben schon mal illegale Drogen genommen, das ist ein Viertel aller Erwachsenen. Und noch nie waren so viele neue Substanzen im Umlauf wie heute. Mehr als 70 bisher unbekannte Drogen sind allein im Jahr 2012 auf den Markt gekommen.

"Die Drogenpolitik muss sich dem veränderten Markt anpassen", fordert Cecilia Malmström, die zuständige Politikerin in der Europäischen Kommission. Aber was bedeutet das genau? Um Antworten zu finden, schauen Politiker in Deutschland in den letzten Monaten unter anderem nach Österreich. Einige mit Hoffnung. Andere mit Grauen.

Es ist kurz vor Mitternacht in Wien. Während im Club bunte Lichter durch die Dunkelheit flackern und die Leute aufdrehen, ragt das Universitätsklinikum düster in den Nachthimmel. Nur im Erdgeschoss brennt noch Licht, in der Toxikologie. Bei jedem Schritt quietscht der Flur, ansonsten ist es hier still. An den Wänden kleben medizinische Plakate und an jeder Tür hängt mindestens ein Warn- und Verbotsschild. "Unbefugten ist der Zutritt verboten", steht da, oder "Achtung, Radioaktivität". Im Labor Nummer 5.10.04 arbeitet das Chemikerteam von CheckIt! So heißt das Projekt der Wiener Drogentester, das von der städtischen Suchthilfe gemeinsam mit dem Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik betrieben wird. Etwa alle halbe Stunde kommt die Praktikantin herein, mit den neuesten Proben aus dem Club: Ecstasy, Speed und Kokain.

Zuerst ist heute Nacht das Koks dran. Das weiße Pulver wird in Alkohol gelöst und kommt in eine Zentrifuge, in der sich die festen Teile ablagern. Anschließend geben die Chemiker die Flüssigkeit in eine Maschine, die den kleinen Laborraum beherrscht: ein offenes Gestell von der Größe eines Kühlschranks, in dem Displays und Leuchtdioden blinken, Computer und Massenspektrometer verschaltet sind. Hier wird die Koksprobe mit Licht bestrahlt, durch ein Vakuum geschossen und zerschlagen. Es ist eine Art chemischer Hindernislauf, der offenbart, welche Wirkstoffe in welcher Konzentration die Droge enthält – damit die Leute im Club wissen, was sie da schniefen und schlucken.

Bei den neuen Drogen gibt es kein Reinheitsgebot

Seit 16 Jahren gibt es das Drug-Checking in Wien. Los ging es in den Neunzigern, als Techno das Nachtleben veränderte. Damals tauchten bunte Tabletten auf, mit eingestanzten Smileys oder Friedenstauben. "Drogen, die aus hedonistischen Gründen genommen werden und nicht, um nichts mehr zu spüren, wie bei klassischen Opiaten wie Heroin", sagt Sonja Grabenhofer, die das Wiener Drug-Checking leitet. "Wir sprechen deshalb von Freizeitdrogen."

Die bekannteste dieser neuen Drogen hieß Ecstasy. "Die Leute, die das nahmen, hatten oft einen Job oder studierten", sagt Grabenhofer. Das waren nicht mehr die Kinder vom Bahnhof Zoo. Das waren eher die Kinder von nebenan. Entsprechend groß war die Angst davor, dass Ecstasy eine ganze Generation ruinieren würde. Die Rede von der "Einstiegsdroge" machte die Runde. Grabenhofer hält das für Blödsinn. "Die meisten Leute, die Ecstasy nehmen, landen später nicht beim Heroin, sondern hören irgendwann einfach auf", sagt sie. "Das Rauschbedürfnis und vor allem die Risikofreudigkeit lassen in der Regel mit zunehmendem Alter nach. Das ist bei illegalen Freizeitdrogen nicht anders als bei Alkohol."

Das Problem sei ein anderes: Bei den neuen Drogen gibt es kein Reinheitsgebot, wie zum Beispiel beim Bier. In Tabletten, die in den Neunzigern als Ecstasy gehandelt wurden, überwog mal der Wirkstoff MDMA, mal MDE, mal war zusätzlich MDA und manchmal waren ganz andere Stoffe darin. Das zeigen stichprobenartige Tests aus den Niederlanden, dem Mutterland des Drug-Checkings. Selbst bei Leuten, die sich auskennen sollten, gab es Verwirrung, was Ecstasy überhaupt ist. Als Forscher der Johns-Hopkins-Universität 2002 eine Studie über die Langzeitfolgen von Ecstasy in der angesehenen Zeitschrift Science veröffentlichten, mussten sie den Artikel ein Jahr später widerrufen: Sie hatten Amphetamine statt MDMA getestet.

Heute herrscht eine neue Unübersichtlichkeit auf dem Drogenmarkt, unter anderem deshalb, weil es so viele neue Substanzen gibt. Nicht alle davon sind illegal, aber das bedeutet nicht, dass sie ungefährlich sind. Anders als Medikamente, die getestet und zugelassen werden müssen, ehe sie in die Apotheken kommen, werden die meisten neuen Drogen nach der Entwicklung einfach verkauft. Zum Beispiel Spice, das als legale Alternative zum Cannabis vermarktet und über Internet und Tabakläden vertrieben wurde. Erst als Zeitungen vor der neuen "Modedroge" warnten und Mediziner der Universität Freiburg herausfanden, dass hinter dem angeblichen Kräutermix in Wirklichkeit synthetische Stoffe steckten, wurde der Handel mit Spice in Deutschland verboten.

Doch längst gibt es neue Substanzen, die noch nicht verboten sind und deshalb frei verkauft werden. Wer in den Markt der legalen Drogen einsteigen will, braucht dazu nicht viel mehr als ein Labor, chemisches Fachwissen, eine gewisse Skrupellosigkeit – und das Internet. Die Anbieter werben in ihren Webshops damit, dass ihre chemischen Produkte ähnlich wie verbotene Drogen wirken, wie Methamphetamin, wie Kokain oder wie Cannabis. Sie haben Namen wie 5F-AKB48 oder STS-135 und werden in verschiedenen Geschmacksrichtungen geliefert, "Cherry", "Juicy Fruits" oder "Bubble Gum". Für Konsumenten, zumal für solche, die zum ersten Mal Drogen probieren wollen, ist der Zugang sehr bequem geworden. Niemand muss Fremde im Bahnhofsviertel anquatschen. Google und eine Kreditkarte reichen.

Über die Risiken und Langzeitfolgen dieser Stoffe ist oft nur wenig bekannt. Die Anbieter können so lange daran verdienen, bis die ersten Nutzer im Krankenhaus landen, die Behörden aufmerksam werden, ein Forschungsinstitut die Droge untersucht und der Staat das Verbotsverfahren abgeschlossen hat. Doch selbst wenn Drogen verboten sind, erschwert das nur den Zugang, ändert aber nicht viel daran, dass diese weiter verkauft und konsumiert werden. Das zeigen nicht zuletzt die Zahlen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht.

Die Konsumenten haben oft keine Ahnung, was sie da eigentlich schlucken: "In höchstens 20 Prozent aller Substanzen, die wir zu sehen bekommen, ist das drin, was der Konsument erwartet", sagt Sonja Grabenhofer. "Wenn ich nicht weiß, was ich nehme, weiß ich auch nicht, welches Risiko ich damit eingehe." Deshalb gibt es das Drug-Checking, das heute etwa einmal im Monat in Clubs oder mit einem mobilen Labor in einem Campingbus auch auf Festivals im Wiener Umland angeboten wird. "Wir nehmen die Konsumenten ernst und versuchen ihnen wertfrei die Vor- und Nachteile des Drogenkonsums aufzuzeigen", sagt Sonja Grabenhofer.

Im Wiener Universitätsklinikum spuckt der Computer die ersten Analyseergebnisse aus. Zehn Minuten nachdem die Probe in das Massenspektrometer gegeben wurde, zeigt der Rechner, welche Wirkstoffe enthalten sind. Zum Beispiel im Koks aus dem Club: Ein Drittel sei ein unbedenkliches Streckmittel, sagt Sonja Grabenhofer, Mehl, Milchzucker oder Zellulosepulver. Die übrigen zwei Drittel setzen sich aus Kokain zusammen, aber auch aus dem Schmerzmittel Paracetamol und aus Levamisol, einem Medikament, das gegen Fadenwürmer verschrieben wird.

"Das ist eine relativ klassische Kokainprobe", sagt Grabenhofer. "Levamisol ist ein übliches Streckmittel, weil es die Wirkung des Kokains verstärkt. Das wurde vermutlich schon bei der Herstellung beigemengt. Das Paracetamol kam wahrscheinlich erst später dazu." So funktioniert die Lieferkette der Drogen: Jeder Zwischenhändler kann seine Gewinnspanne erhöhen, indem er die Ware streckt – als Risikozuschlag sozusagen, schließlich ist der Handel nicht ungefährlich. Und jeder bürgt mit seinem Namen nur gegenüber dem nächsten Glied in der Kette, nicht gegenüber dem Endkunden. Eine Autofirma kann in ernste Schwierigkeiten geraten, wenn sie minderwertige Produkte verkauft, schlechte Bremsen etwa. Dann gibt es teure Rückrufaktionen, Gerichtsprozesse, und die Kunden verlieren das Vertrauen. Auf dem Schwarzmarkt gibt es solche Qualitätskontrollen nicht.

In krassen Fällen hat das Folgen wie 2007 in Leipzig. Dort meldeten sich mehrere Leute wegen Krämpfen und Übelkeit im Krankenhaus. Es kam heraus, dass sie Cannabis geraucht hatten, das mit Bleipulver gestreckt war. Das Blei machte die Ware schwerer, erhöhte also den Verkaufspreis. Für die Betroffenen kann es bedeuten, dass sie wegen einiger Joints jahrelang Medikamente nehmen müssen, um das Blei wieder aus ihrem Körper zu bekommen. Mehr als einhundert Kiffer mussten in Leipzig in Behandlung.

"Es kommt zu weniger Zwischenfällen, seit es uns gibt"

Auch das mit Levamisol gestreckte Koks aus dem Wiener Technoclub birgt Risiken, die zu denen des reinen Kokains noch hinzukommen. Nimmt man es häufig ein, könne das Immunsystem geschwächt werden, sagt Sonja Grabenhofer. Dann könne unter Umständen schon eine Grippeinfektion tödlich enden. Für die Koksprobe füllt sie einen roten Zettel aus. "Achtung", steht darauf, "die Inhaltsstoffe dieser Probe sind gesundheitlich besonders bedenklich!"

Kurz nach Mitternacht hängt dieser Zettel an einer Wand im Club. Wer an die Bar will, aufs Klo oder auf die Tanzfläche, muss hier vorbei. Es ist eine Warnung an den Nutzer, der den Zettel mithilfe einer Kennziffer seiner Probe zuordnen kann. Es ist aber auch eine Warnung an alle anderen, die vorbeikommen: Wer illegale Drogen nimmt, muss davon ausgehen, dass sie gestreckt sind. Manchmal, wenn die Proben nicht verunreinigt und nicht sehr hoch dosiert sind, hängt Grabenhofer keinen roten oder gelben, sondern einen weißen Zettel auf. "Diese Probe enthält jene Substanz, die erwartet wurde", steht darauf, möglichst wertfrei. Immer wieder stehen Leute vor den Zetteln und lesen.

Wie die Warnung auf den Mann mit dem gestreckten Koks wirkt, wissen die Drug-Checker nicht. Vielleicht hat er sein Kokain längst genommen. Vielleicht ist ihm der rote Zettel egal. "Aber es kommt zu weniger Zwischenfällen, seit es uns gibt", sagt Grabenhofer. Deshalb gibt es Veranstalter in der Technoszene, von denen die Drogentester immer wieder eingeladen werden. Lieber eine Infowand im Club als einen Krankenwageneinsatz.

Auch in Deutschland gab es in den neunziger Jahren parallel zu den Ansätzen im Ausland erste Versuche mit Drug-Checking, etwa mit der Charité, der Berliner Uni-Klinik. Doch das war umstritten. Sollte der Staat tolerieren, dass Chemiker in dunklen Clubs mit illegalen Substanzen hantieren? Im Jahr 2000 verabschiedete der Bundestag einen Zusatz zum Betäubungsmittelgesetz, der Drug-Checking untersagte. Seitdem wurden solche Projekte in der Schweiz eingeführt, in Belgien und in Tschechien. Auch die Europäische Union förderte den Ansatz und finanzierte eine internationale Datenbank zum Austausch von Ergebnissen der Drogenanalysen. In Deutschland bleibt Drug-Checking verboten.

Nun wollen die Landesregierungen von Schleswig-Holstein und Niedersachsen Drogentests in ihren Ländern ermöglichen. Noch ist nicht ganz klar, wie das trotz des bundesweiten Verbots möglich sein soll. Die Kritik an dem Vorhaben ist harsch. "Die Regierung ist offenbar selbst zugedröhnt", pöbelte ein Oppositionspolitiker in Schleswig-Holstein. In Lokalzeitungen ist die Rede vom "Drogen-TÜV", so als ginge es nicht um Schadensbegrenzung, sondern um freie Fahrt für Junkies. Der größte Widerstand kommt aber von der Bundesregierung. "Der effektivste Schutz vor verunreinigten oder außergewöhnlich hoch dosierten illegalen Substanzen besteht darin, den Konsum dieser Substanzen konsequent zu unterlassen", heißt es dort. Das ist richtig – aber auch sehr rigoros. Ein bisschen erinnert diese Haltung an religiöse Gruppen, die sagen, das wirksamste Mittel gegen Geschlechtskrankheiten und ungewollte Schwangerschaften sei die sexuelle Enthaltsamkeit.

Kritiker fürchten, die Tests könnten zum Konsum illegaler Drogen ermutigen und die Risiken verharmlosen. Die Bundesärztekammer warnt vor einer "falschen Sicherheit".

Wer Drogen kauft, trifft die Entscheidung, das Gesetz zu brechen und sich einem Gesundheitsrisiko auszusetzen. Aber ist es plausibel, dass weniger Informationen zu besseren Entscheidungen führen?

Eine Woche nach der Clubnacht in Wien stirbt eine Frau auf einer Party in Schleswig-Holstein. Die Untersuchungen zu dem Fall sind noch nicht abgeschlossen, doch die Staatsanwaltschaft sagt: Die Frau war 25 Jahre alt. Sie hatte ein Kind. Sie nahm eine einzige Ecstasy-Tablette.